Warum können wir nicht wirklich unvoreingenommen sein?

Unsere Sicht auf unser Umfeld ist ständig durch Überzeugungen getrübt. Was man machen kann, um offener durch die Welt zu gehen, zeigt Aileen Oeberst.

Frau Oeberst, Sozialpsychologinnen und Sozialpsychologen befassen sich mit unseren Überzeugungen und mit deren ­Wirkung. Was ist das eigentlich genau, eine Überzeugung?

Überzeugungen sind – ganz allgemein gesagt – Hypothesen über einen bestimmten Aspekt der Welt. Ob sie richtig sind oder nicht, ist dabei aus Forschungssicht nicht unbedingt relevant, auch nicht ob man sich wirklich im Detail mit dem Thema befasst hat, ob es sich um fundamentale, stabile Überzeugungen handelt wie: „Der Klimawandel ist menschengemacht“, oder um kurze, oberflächliche Meinungen.

In jedem Fall gilt, dass Überzeugungen unsere Informationsverarbeitung beeinflussen. Das heißt: Stoße ich auf Informationen, die zu meiner Überzeugung passen, bewerte ich diese eher als glaubwürdig und bevorzuge sie. Und was immer wir in unserer Umwelt wahrnehmen: Wir haben bereits Assoziationen im Kopf, mit denen wir das, was wir erfassen, automatisch abgleichen. Das ist einfach die fundamentale Arbeitsweise des Gehirns.

Es gibt den großen Wunsch, dass unsere Ansichten bestätigt werden. Was hat es damit auf sich?

Diesen Wunsch gibt es, vor allem wenn uns eine Überzeugung besonders wichtig ist. Wenn ich denke, dass es am nächsten Tag regnen wird, mag das nicht so entscheidend sein. Aber wenn ich den Klimawandel für menschengemacht halte und mir diese Überzeugung wichtig ist, präferiere ich eher Informationen, die das bestätigen, lese Artikel in Wissenschaftsmagazinen oder Fachzeitschriften. Und es ärgert mich vielleicht, wenn jemand im Brustton der Überzeugung sagt: „Der Klimawandel ist nicht menschengemacht.“

Ein anderes Beispiel: Eine Mutter von erwachsenen Kindern erfährt, dass Expertinnen und Experten von einer Erziehung, wie sie sie praktiziert hat, abraten. Bislang war sie nicht nur überzeugt, eine gute Mutter gewesen zu sein, sie wollte eine gute Mutter sein. Da ist die Möglichkeit, wichtige Dinge falsch gemacht zu haben, schwierig und schmerzhaft. Da werden unter Umständen eher die Expertinnen infrage gestellt.

Können Überzeugungen einer Person wichtiger sein als soziale Beziehungen?

Ja, das kann vorkommen. Während der Coronapandemie haben wir gesehen, dass manche Familien und Freundschaften an unterschiedlichen Überzeugungen und auch Verschwörungstheorien zerbrochen sind.

Was kann man selbst tun, um herauszufinden, ob man sich in eine Überzeugung verrannt hat?

Es gibt vor allem eine effektive Technik: consider the opposite, also „denke über das Gegenteil nach“. Man sollte sich fragen, was gegen die eigene Überzeugung spricht, und gründ­lich nach Gegenargumenten suchen und sich damit auseinandersetzen. Es ist nicht möglich, vollkommen offen und unvoreingenommen zu sein. Wir haben immer vorgefasste Gedanken. Man kann sich nur fragen: Spricht irgendetwas gegen meine Interpretation? Könnte es auch ganz anders sein?

Aileen Oeberst ist Psychologin und Professorin für Psychologie an der Fernuniversität Hagen. Sie forscht über Verzerrungen in der Informationsverarbeitung.

Quelle

Aileen Oeberst, Roland Imhoff: Toward parsimony in bias research: A proposed common framework of belief-consistent information processing for a set of biases. Perspectives on Psychological Science, 2023. DOI: 10.1177/17456916221148147

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2023: Paartherapie
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