Die historische Zahl: 1983

Lohhausenstudie: In Dietrich Dörners bahnbrechenden Denkexperiment durften sich Menschen als Stadtoberhäupter versuchen.

Menschen stehen vor einem alten PC mit Tastatur
1983 durften einige Menschen ihre eigene kleine Stadt führen - und wurden dabei auf ihr Denkvermögen getestet. © Klawe Rzeczy für Psychologie Heute

Dietrich Dörner verschleißt Stadtoberhäupter in Lohhausen. Lohhausen liegt bekanntlich an der Lohe. Die Gemeinde hat 3372 Einwohner, einen Bahnhof, eine Uhrenfabrik (wichtigster Arbeitgeber!), eine Bank, einen Sportverein, Kinos, Geschäfte, Wohnhäuser. Auf einer konventionellen Karte wird man Lohhausen allerdings vergeblich suchen, denn die Ansiedlung existiert nur als Simulation im Computer – jedenfalls von 1975 bis 1983 existierte sie dort, als Dietrich Dörner und sein Team an der Universität Bamberg mit ihrer Lohhausenstudie denkpsychologisches Neuland betraten.

In diktatorischer Vollmacht

Je 24 junge Frauen und Männer versuchten sich einzeln als Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der fiktiven Kommune. Ausgestattet mit nahezu diktatorischen Vollmachten, lenkten sie deren Geschicke acht Jahre lang, die allerdings im Zeitraffer abliefen: In acht zweistündigen Sitzungen ordneten sie all jene Maßnahmen an, mit denen sie das Gedeihen Lohhausens und das Wohl seiner Population zu befördern gedachten. Sie erhöhten oder senkten die Löhne, bauten Straßen, Häuser, Läden und mehr, prassten oder geizten mit ihrem Budget. Der Rechner simulierte dann, wie sich das alles im Städtchen auswirken würde.

Anders als in einem klassischen Intelligenztest, bei dem die richtige Lösung feststeht, sahen sich die Versuchspersonen mit einem Kuddelmuddel von Optionen konfrontiert. Alles, was sie taten, hatte kaum vorhersehbare Nebenwirkungen – ähnlich wie im echten Leben.

Tatsächlich erwies es sich als unmöglich, all die miteinander vernetzten Stellgrößen gleichzeitig im Blick zu haben. Wie sich herausstellte, wurde die Qualität des Regierens nicht vom IQ der Teilnehmenden bestimmt, sondern eher von deren Offenheit im Informationsaustausch und ihrem Zutrauen in die eigene Handlungskompetenz. Gute Stadtoberhäupter verfolgten eine Strategie und blieben am Ball, weniger gute betrieben nur Krisenmanagement, sprangen von Thema zu Thema und trafen aus der Not heraus undurchdachte Ad-hoc-Entscheidungen.

Timeline

2010 Thomas Brudermann simuliert am Computer massenpsychologische Effekte

2007 JoAnn Difede u.a. therapieren Traumata nach 9/11 in virtueller Realität

2004 Stefan Strohschneider und Jürgen Gerdes schicken Crews in eine fiktive Schiffshavarie

1983 Dietrich Dörner verschleißt Stadtoberhäupter in Lohhausen

1961 Morton Heilig präsentiert „Sensorama“, Prototyp der virtuellen Realität

1946 Adalbert Ames konstruiert einen Raum, der den Sinnen etwas vorgaukelt

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2023: Intensiver leben
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