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Psychologie nach Zahlen: Von Depression bis Schlaf – 7 Wirkungen von Kaffee auf die Psyche und auf das Gehirn.

Die Illustration zeigt einen Mann in einem Haus in Form eines French-Press-Kaffee-Maker, der fröhlich die Arme aus dem Fenster streckt
© Till Hafenbrak

Kaffee gehört für viele Menschen zum Leben: Sie trinken ihn am Frühstücks­tisch zum Wachwerden, am Schreibtisch zum Wachbleiben, im Café zum Plauschen. Doch die Inhaltsstoffe des Getränks – Koffein, aber auch Polyphenole – könnten neben der belebenden noch etliche weitere und, wie sich herausstellt, oft positive neuropsychologische Wirkungen haben, zum Beispiel im Hinblick auf:

1 Depressionen

Offenbar senkt regelmäßiger Kaffeekonsum das Risiko für Depressionen. Dabei sprechen wir über etwa zwei bis vier Tassen pro Tag. Frauen scheinen stärker von solch einem moderaten Konsum zu profitieren als Männer. Zu viel Kaffee hingegen kann Depressionen sogar verschlimmern. Wie viel Kaffee die beste Wirkung erzielt, ist schwer zu beziffern, denn die Studien unterscheiden sich stark – bisweilen sogar darin, was genau „eine Tasse Kaffee“ eigentlich bedeutet. Weitgehend ungeklärt ist auch, auf welchem Weg Kaffee gegen Depressionen wirkt. Zum Teil liegt es wohl am Koffein, das dabei hilft, Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin im Gehirn in der Balance zu halten.

2 Parkinson

Auch das Risiko einer Parkinsonerkrankung verringert sich durch regelmäßigen moderaten Kaffeekonsum. Anders als bei Depressionen ist dieser Effekt bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. Der Mechanismus ist auch hier nicht vollständig geklärt. Die Schutzwirkung basiert vermutlich nicht allein auf dem Koffein, denn andere koffeinhaltige Getränke wie Tees und Softdrinks vermindern das Parkinsonrisiko nicht.

Kaffee insgesamt scheint jedenfalls in gewissem Umfang vorbeugend gegen Parkinson zu wirken – leider aber nicht heilend: Wer bereits an Parkinson erkrankt ist, kann durch Kaffeetrinken die Symptome nicht lindern. Allerdings gibt es Versuche, Koffein als eine zusätzliche Behandlung zu nutzen, etwa um die Effektivität von Medikamenten im Kör­per zu erhöhen.

3 Kognitive Fähigkeiten

So wie Kaffee uns wachmacht, kann er auch helfen, unsere kognitiven Fähigkeiten zu verbessern, also etwa das Gedächtnis und die Reaktionszeit. Das zeigte sich in einer Studie, in der die Teilnehmenden nach der Einnahme von einer Koffeintablette in einem Fahrsimulator ihr Können zeigen sollten. Die Versuchspersonen der Koffeingruppe machten deutlich weniger Fehler und bremsten schneller als diejenigen, die nur ein Placebo erhalten hatten. Und auch die visuelle Wahrnehmung scheint Koffein zu schärfen, was beim Autofahren, Sport und anderen Aktivitäten hilfreich sein kann.

Der Effekt ist offenbar bei Frauen ausgeprägter als bei Männern. Verschiedene Studien deuten sogar darauf hin, dass Koffein in einem gewissen Umfang vor der Alzheimerdemenz schützen könnte – vermutlich verlangsamt es die für Alzheimer typische Ansammlung von Beta-Amyloid-Plaques im Gehirn. Da Alzheimerdemenz generell Frauen eher trifft als Männer, profitieren sie statistisch auch häufiger von der Schutzwirkung des Kaffees.

4 Schlaganfall

Eine Metaanalyse der bisherigen Studien zeigte, dass mäßiger Kaffeekonsum das Risiko eines Schlaganfalls senkt. Die positive Wirkung ist allerdings nicht ganz eindeutig. In manchen Untersuchungen fand sich kein Schutz durch Kaffeekonsum bei Männern. Bei jungen Frauen wirkt er wohl eher. Wiederum aber scheint der Effekt bei einer zu hohen Dosis zu kippen: Viel Kaffee – über sieben Tassen pro Tag – kann das Risiko eines ischämischen, also durch Mangeldurchblutung verursachten Schlaganfalls sogar erhöhen statt senken.

5 Neuromuskuläre ­Erkrankungen

Recht zweifelhaft ist, ob Kaffee auch helfen kann, neuromuskulären Erkrankungen vorzubeugen. Hier funk­tionieren Muskelzellen oder zu den Muskeln führende Nerven nicht mehr richtig. Dadurch kommt es etwa zu fortschreitenden Lähmungen. Einige wenige Studien deuten auf einen schützenden Effekt von Kaffee im Hinblick auf multiple Sklerose und amyotrophe Lateralsklerose hin, andere fanden hingegen keinen Zusammenhang. Bei der Huntingtonerkrankung könnte Koffein sogar das Risiko erhöhen, dass dieses genetisch vererbte Leiden früher im Lebenslauf ausbricht, also in jüngeren Jahren. Doch auch dies steht bislang nicht sicher fest.

6 Schlaf

Was viele Menschen intuitiv wissen: Koffein beeinträchtigt den Schlaf. Obwohl die Studien, die dies nachzuprüfen versuchten, oft klein waren, zeichnen sie insgesamt doch ein ziemlich eindeutiges Bild: Koffein bewirkt offenbar tatsächlich bei den meisten Menschen, dass sie länger zum Einschlafen brauchen.

Außerdem vermindert Kaffee im Durchschnitt die Schlafdauer und die Qualität und Effizienz des Schlafes. Das spüren ältere Menschen eher als jüngere, zwischen Frauen und Männern scheint es keinen Unterschied zu geben. Ein Teil des Problems liegt wohl darin, dass Koffein – besonders am Abend – die innere Uhr durcheinanderbringt, die den Tag-Nacht-Rhythmus reguliert.

7 Kaffeesucht?

Viele Menschen glauben, dass sie ohne Kaffee gar nicht durch den Tag kommen. Sind sie also süchtig nach dem Getränk? Eine echte Sucht ist es wohl eher nicht, wenn man sich die Diagnosekriterien ansieht. Kaffee verursacht keine sozialen oder beruflichen Probleme – und moderater Konsum kann sogar die Gesundheit verbessern, statt ihr zu schaden.

Eine körperliche Abhängigkeit gibt es praktisch nicht, und der Konsum lässt sich recht leicht kontrollieren, anders als etwa bei Nikotin- oder Alkoholabhängigkeit. Ein weiteres Merkmal für eine Sucht ist die Toleranz: Für den gleichen Effekt braucht man immer mehr von der Droge. Bei Kaffee gewöhnen sich die Menschen an mögliche negative Effekte wie Nervosität, während er sie am Morgen weiterhin aufweckt.

Kaffee hat also positive, aber auch negative Einflüsse auf die Gesundheit, viele Fragen sind noch offen. Solange man es nicht übertreibt oder besonders sensitiv auf das Getränk reagiert, ist ein moderater Konsum wohl eher vorteilhaft, sagt auch Rob van Dam, Professor für Exercise and Nutrition Sciences an der George Washington University. „Wir würden aber niemandem empfehlen, Kaffee zu trinken, der ihn nicht ohnehin genießt.“

Zum Weiterlesen

Rob van Dam u.a.: Coffee, caffeine, and health. New England Journal of Medicine, 383/4, 2020, 369–378

Literatur

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2022: Frauen und ihre Mütter
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