TikTok-Tics

In der Pandemie entwickelten ungewöhnlich viele Jugendliche Tics. Modediagnosen wie diese gibt es immer wieder. Wie kann man sie erklären?

Die Illustration zeigt vierfach eine Jugendliche, die sich mit Grimassen mit ihrem Smartphone für TicTok aufnimmt
© Mario Wagner für Psychologie Heute

Eine junge Frau filmt sich, wie sie vor einem Laptop sitzt und für die Schule lernt. Dabei stößt sie ununterbrochen laute Geräusche aus, pfeift, schlägt mit den Fäusten gegen ihren Oberkörper oder zuckt ruckartig zusammen. „It makes it very difficult to concentrate“ – es ist sehr schwierig, sich so zu konzentrieren –, kommentiert sie selbst, dahinter ein lachender Smiley.

Der Clip wurde von der Nutzerin Zara Beth unter dem Titel „Tics in Class“ auf TikTok veröffentlicht. Sie thematisiert darin, wie ihre Tics sie in der Schule behindern. Mehr als zehn Millionen Menschen haben das Video geliked. Kurzfilme, in denen Tics oder Formen von Tourette zu sehen sind (siehe Definition unten), sind derzeit in allen sozialen Medien äußerst beliebt, besonders unter Jugendlichen. 

So verzeichnet der Hashtag #ticdisorder auf TikTok eine halbe Milliarde Aufrufe; viele User greifen das Thema mit eigenen Beiträgen auf – meist spielerisch und humorvoll. Besonders seit Beginn der Coronapandemie haben solche Darstellungen zugenommen, wie auch eine Forschungsgruppe um Tamara Pringsheim in einer Studie von 2021 aufzeigen konnte.

Solche Trends sind nicht ungewöhnlich. Immer wieder wecken einzelne Diagnosen gesellschaftliches Interesse. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stand etwa die Hysterie im Fokus und in den letzten Dekaden waren Burnout, ADHS, Autismusspektrumstörung, bipolare Störung oder Hochsensibilität weit verbreitet.

Modediagnosen

Nicht alle davon sind wissenschaftlich gedeckt – Burnout ist etwa strenggenommen keine Diagnose und Hochsensibilität ist hochumstritten. Nichtsdestotrotz sind viele Menschen schnell bei der Hand, sich ein solches Etikett anzuheften. Doch was macht manche Störungsbilder…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2022: Das Tempo der Liebe
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