Leben

Ist Bescheidenheit positiv?

Die hochgelobte Eigenschaft hat auch eine dunkle Seite, wie neue Studien belegen.

Selbstabwertende Bescheidenheit bewirkt sozialen Rückzug ©Joni Majer

Die dunkle Seite der Bescheidenheit

Bislang sah man diese Eigenschaft ausschließlich positiv – nun gibt es neuere Forschung

Wer bescheiden ist, weiß zu schätzen, was er hat. Auch stärkt Bescheidenheit die Beziehung zu anderen Menschen. Wer nicht anmaßend ist, kann engere Beziehungen zu anderen aufbauen als selbstzentrierte Menschen. Und wer sich selbst nicht so wichtig nimmt, kann außerdem auch leichter verzeihen. Kurzum: Bescheidenheit scheint ebenso wertvoll wie erstrebenswert. Das alles suggerieren psychologische Studien der letzten zehn Jahre. Der Psychologe Aaron Weidman und seine Forscherkollegen Jessica Tracy sowie Joey Cheng gaben sich jedoch mit diesem Idealbild nicht zufrieden und untersuchten das Phänomen genauer. Ihr Ziel war, zwei grundlegende Schwächen bisheriger Studien zu beheben.

Zum einen sei Bescheidenheit bislang oft unterschiedlich definiert worden, ­schreiben die Forscher: als Gefühl, als Eigenschaft, als Zustand, als persönliche Meinung. Demnach widersprechen sich diese bisherigen Definitionsansätze zwar nicht zwangsläufig, aber sie verhinderten einheitliche, generalisierbare Erkenntnisse, so Weidman. Der zweite schwache Punkt bisheriger Forschungsarbeiten: Bescheidenheit sei einseitig und nur positiv gesehen worden.

Was ist Bescheidenheit?

Weidmans Team untersuchte in der ersten Studie, wie es Menschen geht, wenn sie sich bescheiden fühlen – allerdings ohne sie direkt danach zu fragen. Denn den Forschern ging es ausdrücklich um eine authentische, intuitive Einschätzung von Laien, die auf eigenen Erfahrungen beruhte. Dafür ließen sie zunächst knapp 90 Teilnehmer alle Adjektive sammeln, die ihnen zu dem Stichwort Bescheidenheit einfielen und die wiedergeben sollten, wie sie sich in Momenten der Bescheidenheit fühlten. Die Probanden wählten am häufigsten Begriffe wie „ruhig“, „entspannt“, „zufrieden“, „stolz“ oder „scheu“, aber auch „beschämt“, „traurig, „dumm“ oder „anspruchslos“.

Jeden der 26 häufigsten Begriffe paarten die Forscher anschließend mit jedem anderen Begriff, woraus sich eine Liste mit 325 Begriffspaaren zur Bescheidenheit ergab. Anschließend bewerteten nun rund 140 andere Probanden diese Liste mit Wortpaaren daraufhin, wie ähnlich oder unterschiedlich die Begriffe aus ihrer Sicht waren. Diese Einschätzungen unterzogen die Forscher anschließend einer statistischen Clusteranalyse, und diese bestätigte, dass Bescheidenheit nicht nur als positiv, sondern auch als negativ erlebt wird. Deshalb definierten die Psychologen zwei Arten der Bescheidenheit: einerseits eine wertschätzende (appreciative) Bescheidenheit, andererseits eine selbstabwer­tende (self-abasing).

Auch die Leistung anderer sehen

Um mehr über diese zwei Formen zu erfahren, rekrutierten Weidman und sein Team für ihren nächsten Versuch knapp 650 Teilnehmer. Die Freiwilligen schrieben über Momente, in denen sie Bescheidenheit empfunden hatten. Die Beschreibungen glichen die Psychologen mit den in der ersten Studie erarbeiteten Begriffs­clustern ab. So konnten die Forscher zwei generelle Tendenzen beobachten. „Wertschätzende Bescheidenheit folgt besonders häufig gemeinsamen Erfolgserlebnissen“, berichten sie. Beispielsweise den Siegen in einem Mannschaftssport. Diese positive Bescheidenheit sei generell nach außen, auf die Umwelt gerichtet. Dabei werde sich der Einzelne auch der Leistung und der Unterstützung seiner Mitmenschen bewusst und empfinde Stolz auf sie. Dagegen sei selbstabwertende Bescheidenheit nach innen und gegen die eigene Person gerichtet. Sie folge persönlichen Niederlagen und Misserfolgen und rufe Kritik an sich selbst wach. Der Einzelne macht sich Vorwürfe und empfindet Scham.

Neigen also selbstkritische Menschen eher zur negativen als zur positiven Bescheidenheit? Wie die Persönlichkeit mit den zwei Formen zusammenhängt, überprüften die Forscher in ihrer dritten Studie mit der Unterstützung von 462 Freiwilligen. „Neurotische, ängstliche Menschen, denen Dinge schnell peinlich sind, neigen zur negativen Form der Bescheidenheit“, dokumentiert Weidmans Team. Anders sei es bei offenen, verträglichen und extravertierten Personen. Sie tendierten eher zur wertschätzenden Form.

„Danach war ich ganz still“

In ihrer letzten Studie fragten die Psychologen: Welches Verhalten fördern die zwei Arten von Bescheidenheit? 205 Freiwillige nahmen an dem Versuch teil. Zunächst schrieben sie entweder, wie sie wertschätzende oder selbstabwertende Bescheidenheit erlebt hatten. Anschließend gaben sie an, wie stark Aussagen wie „Nach dem Ereignis war ich ganz still“ und „Nach dem Ereignis zog ich mich zurück“ auf sie zutrafen. Das Ergebnis: „Selbstabwertende Bescheidenheit bewirkt den sozialen Rückzug“, berichten die Forscher. Der Einzelne möchte allein sein, meidet andere Menschen. Im Gegensatz dazu löse die wertschätzende Bescheidenheit das Bedürfnis aus, die Nähe zu anderen zu suchen und sie zu feiern, heißt es.

Aaron Weidman u. a.: The psychological structure of humility. Journal of Personality and Social Psychology, 114, 1, 2018. 10.1037/pspp0000112

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