„Erfolg ist keine stabile Basis für den Selbstwert“

Wir alle wollen erfolgreich sein. Kurzfristig macht uns das zufrieden, langfristig nützt es unserem Selbstwert wenig, so Astrid Schütz.

Jung, erfolgreich – und dennoch geringer Selbstwert. Beruflicher Erfolg stützt den Selbstwert nicht langfristig. © Cecilie_Arcurs // Getty Images

Frau Professor Schütz, können Erfolgserlebnisse zu mehr Selbstwert führen?

Erfolg fühlt sich definitiv kurzfristig gut an, soviel können wir sagen. Aber letztlich ist er keine stabile Basis für den Selbstwert. Denn niemand von uns kann damit rechnen, immer Erfolg zu haben. Und wenn wir unseren Selbstwert stark darauf gründen, besteht die Gefahr, dass er einbricht, wenn es mal nicht so gut läuft. Es gibt solidere Quellen für den Selbstwert, zum Beispiel sozial eingebunden zu sein oder ethische Grundüberzeugungen zu haben wie „jeder Mensch ist wertvoll“.

Aber wenn ich beruflich etwas erreiche, dann folgt daraus doch nicht nur die äußere Ankerkennung in Form von Lob, Status oder Geld. Sondern auch das Gefühl, etwas zu können, selbstwirksam zu sein. Warum stärkt mich das nicht für die Zukunft?

Das ist recht komplex. Es besteht die Gefahr, dass der Erfolg einen Standard setzt und das kurzfristig positive Gefühl langfristig zum Druck wird: Ich muss wieder so etwas erreichen, ich kann nicht dahinter zurückfallen. Wir kennen in der Psychologie ja auch das so genannte impostor syndrome, das Hochstaplersyndrom, bei dem Menschen den Eindruck haben, sie hätten die Führungsposition oder die Auszeichnung nicht verdient und würden bald als vollkommen inkompetent entlarvt.

Hier begünstigt der Erfolg sogar die Selbstzweifel. Und das liegt eben unter anderem daran, dass wir Erfolg nur teilweise selbst in der Hand haben. Günstiger ist es, wenn wir uns über unsere Erfolge freuen – aber einen Selbstwert entwickeln, der von beruflich Erreichtem, Geld oder Auszeichnungen unabhängig ist, so dass er nicht ständig schwankt.

Würden Sie sagen, dass Erfolg eher eine Quelle für Glück als für Selbstwert ist?

Glück ist mir als Begriff etwas zu groß, denn echtes tiefes Glück hat auch viel damit zu tun, dass ich etwas mache, das über mich selbst hinausgeht. Ich würde eher sagen, dass Erfolg kurzfristig die Zufriedenheit hebt.

Eine sehr wichtige Information, wenn man bedenkt, wie zentral für viele Menschen das Streben nach Erfolg ist – und wie wenig er dann doch langfristig zum Selbstwert beiträgt.

Wir alle leben in einer Leistungsgesellschaft, deshalb ist es notwendig, dass wir nach Erfolg streben. Aber wir sollten unseren Wert als Mensch nicht daran knüpfen. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die ihren Selbstwert von finanziellem Erfolg abhängig machen, unter mehr Sorgen und Stress litten als andere. Der Erfolg hängt dann wie eine Karotte vor meiner Nase – und kann mich sogar zu einem Abgrund führen, in den ich dann stürze.

Ist umgekehrt ein hoher Selbstwert die Voraussetzung, um erfolgreich zu sein?

Ich glaube, wir können sagen: Bei niedrigem Selbstwert ist es schwierig, große Erfolge zu erzielen. Weil Menschen mit niedrigem Selbstwert oft so stark von Angst vor Misserfolg getrieben sind, dass sie in einen Teufelskreis geraten: Sie gehen geringe Risiken ein, damit sie nicht scheitern, setzen sich niedrige Ziele und leiten daher dann eben oft keine großen Projekte ein oder wagen sich nicht an Neuerungen. Die geringen Erfolge wiederum bestärken sie in ihren Selbstzweifeln. Es kann insofern helfen, wenn andere Menschen – Vorgesetzte, Teammitglieder – an sie glauben. Das kann ein Schritt heraus aus dem Teufelskreis sein. Es ist nicht einfach, aber hier besteht eine mögliche Exit-Strategie.

Sie hatten das Hochstaplersyndrom bereits erwähnt: Menschen, die sehr erfolgreich sind, aber trotzdem glauben, dass sie bald als unfähig entlarvt werden. Wie erklärt sich das?

Dahinter steht oft ein niedriger, instabiler Selbstwert und die Tendenz, die eigenen Erfolge external zu attribuieren. Das heißt, wenn die Person einen Karriereschritt gemacht habe, sagt sie: „Oh, da habe ich aber Glück gehabt.“ Und nicht: „Das habe ich mir erarbeitet, weil ich diese Fähigkeiten oder jene Leistung erbracht habe.“ Menschen, die unter dem Hochstaplersyndrom leiden, legen starken Fokus auf ihre eigenen Schwächen. Frauen, so zeigt die Forschung, sind davon stärker betroffen als Männer. Im Schnitt haben Frauen ja auch einen etwas niedrigeren Selbstwert als Männer und machen sich stärker von sozialer Rückmeldung abhängig.

Erfolg kann auch dann eine Gefahr sein, wenn man sehr jung eine hohe Position erreicht hat und selbst überrascht ist, dass das so schnell möglich war.

Ja, wenn man sich Erfolg langfristig hart erarbeitet, erscheint er plausibel und verdient. Aber wenn er sich sehr rasch einstellt, kann das das eigene Selbstkonzept durcheinanderwirbeln. Das spricht auch dafür, dass wir – wie Studien zeigen – sehr vorsichtig damit sein sollten, Kinder für stabile Eigenschaften zu loben.

Wir sollten uns eher positiv über ihre Anstrengungen, ihre Technik, ihre Strategien äußern, also über Aspekte, die sie beeinflussen können. Weil sie, so die Befunde der amerikanischen Psychologin Carol Dweck, sonst beim ersten Misserfolg schlussfolgern: Die Grenzen meiner Kompetenz sind erreicht. Und das würde ansonsten nicht passieren, das Kind würde sich eher sagen: Aha, falsche Strategie, zu wenig angestrengt – und andere Konsequenzen ziehen.

Auch wenn man frühzeitig längere Zeit erfolgreich ist, muss das nicht unbedingt gut für den Selbstwert sein. Warum?

Wenn man große Ziele erreicht hat, kann es passieren, dass man sich fragt: What’s next? Und wenn man zu diesem Zeitpunkt erst 30 oder 40 Jahre alt ist, kann es schwierig sein, neue Ziele zu definieren. Dann fehlt aber wiederum der nächste Erfolg, aus dem man bislang Selbstwert gezogen hat.

Kann Erfolg auch die Verbundenheit mit anderen Menschen verringern?

Ja, das ist eine Gefahr. Es kommt darauf an, wie Menschen mit Erfolgen umgehen. Fokussieren sie sich nur auf ihre Tätigkeit, vernachlässigen sie soziale Beziehungen, missachten sie Menschen, die weniger erfolgreich sind als sie? Oder teilen sie ihre Erfolge, nehmen sie andere mit, feiern sie die Erfolge im Team? Und wertschätzen sie den Anteil anderer an ihrem Erfolg, sind dankbar, wenn sie beides haben: Erfolg und stabile soziale Beziehungen?

Sie hatten es im Zusammenhang mit dem Hochstaplersyndrom erwähnt: Die Art, wie wir uns unsere Erfolge oder Misserfolge erklären – wie wir sie attribuieren – hat Einfluss auf unseren Selbstwert. Inwiefern?

Wenn ich mir Erfolg internal – also mit meinen eigenen Anstrengungen oder Fähigkeiten erkläre – ist das günstiger, als wenn ich ihn mir mit äußeren Faktoren erkläre. Bei Misserfolg ist es umgekehrt.

Wie kann ich diese Art verändern?

Da gibt es in der Tat Übungen. Die Vertreter der Positiven Psychologie, Christopher Peterson und Martin Seligman, haben beispielsweise Attributionstrainings entwickelt: Wie lerne ich gesundes Attribuieren? Letztlich geht es darum, wie wir Fehler bewerten. Es ist wichtig, sie als Möglichkeit zu sehen, uns weiterzuentwickeln, und nicht als Hinweis auf die eigene Inkompetenz. „Es gibt nur Erfolg – oder Lerngelegenheiten“, wie Trainer manchmal sagen. Denn was ist schon endgültig? In den meisten Fällen, bei denen wir es im Alltag mit Erfolg oder Misserfolg zu tun haben, bieten sich ja wieder neue Gelegenheiten: Wir können uns um ein anderes Projekt bewerben, einen neuen Job suchen, eine andere Fortbildung angehen…

Aber wenn man als Kind verinnerlicht hat, dass man keine Fehler machen darf, dürfte das Umbewerten in „Lerngelegenheiten“ doch recht schwierig sein.

Ja – es beginnt in der Kindheit, da haben die Eltern große Verantwortung. Zum Beispiel, ob man sich als Kind Liebe verdienen muss: Du bist nur ein braves Mädchen, wenn du gute Noten schreibst. Das schwingt oft mit in der Erziehung. Dann kann man als Erwachsener nicht von heute auf morgen, den Schalter umlegen. Manchmal hilft Reflexion: Ist meine Bewertung vernünftig? Das reicht aber oft nicht.

Man kann innerlich die Perspektive einer guten Freundin einnehmen – oder tatsächlich eine gute Freundin fragen: Wie siehst du dieses Ereignis? Eine gute Freundin ist oft milder mit uns als wir es selbst sind. Und wenn auch das nicht hilft, ist natürlich Training, Coaching, Therapie eine wichtige Maßnahme. Ich finde nicht, dass wir alle Probleme selber lösen müssen. Wir reparieren unsere Autos ja auch nicht selber. Sich Hilfe zu suchen ist keine Schande.

Astrid Schütz ist Professorin für Psychologie an der Universität Bamberg, Coach und Autorin des Buches „Je selbstsicherer, desto besser? Licht und Schatten positiver Selbstbewertung“ (Beltz). Hier findet sich ein von ihr konzipierter Selbsttest zur Abhängigkeit von Rückmeldung – die Auswertung erfolgt sofort automatisiert: https://www.uni-bamberg.de/perspsych/forschung/interesse-an-studien

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2021: Selbstwert wagen
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