Sagen Sie mal, Herr Sachse: Was ist ein Persönlichkeitsstil?

Was ist eigentlich ein Persönlichkeitsstil? Prof. Dr. Rainer Sachse, Leiter des Bochumer Instituts für Psychologische Psychotherapie, im Interview.

Die Illustration zeigt Professor Rainer Sachse, der ein Buch über Persönlichkeitsstile geschrieben hat
Die Illustration zeigt Professor Rainer Sachse, der ein Buch über Persönlichkeitsstile geschrieben hat. © Jan Rieckhoff

Sie beleuchten in Ihrem Buch neun verschiedene Persönlichkeitsstile – vom narzisstischen über den dependenten bis hin zum Borderline-Persönlichkeitsstil. Was verstehen Sie unter einem Persönlichkeitsstil?

Einen Persönlichkeitsstil zu haben bedeutet, dass die Person Situationen in ganz bestimmter Weise interpretiert, auf bestimmte Kontexte positiv und auf andere „allergisch“ reagiert und dass sie sich, vor allem in Beziehungen, in bestimmter Weise verhält. So nimmt ein Narzisst Situationen sehr oft als Leistungssituationen wahr, reagiert positiv auf Lob und sehr empfindlich auf Kritik, hat hohe Ansprüche und spannt andere stark für seine Ziele ein.

Welche Persönlichkeitsstile sind denn besonders häufig und was zeichnet sie aus?

Besonders häufig, insbesondere in Therapien, sind narzisstische, histrionische und dependente Stile. Ein narzisstischer Stil macht Personen oft erfolgreich, ein histrionischer zeichnet sich durch hohe Dramatik und hohe Manipulation aus. Personen mit einem histrionischen Persönlichkeitsstil wollen viel Aufmerksamkeit und brauchen viele Signale von anderen Menschen, die ihnen zeigen sollen, dass sie besonders wichtig sind. Beide Stile sind sehr kompatibel mit vielen Trends westlicher Industriegesellschaften. Dependente Personen wollen stabile Beziehungen, ordnen sich Partnern unter, haben kaum Vorstellungen davon, was sie selbst wollen, vermeiden Konflikte und versuchen, die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Wie grenzen Sie Persönlichkeitsstile zu Persönlichkeitsstörungen ab?

Es gibt nur eine graduelle Abgrenzung: Eine Person mit einer Störung weist prinzipiell ähnliche Merkmale auf wie die mit dem entsprechenden Stil, jedoch in deutlich stärkerer Ausprägung. Während die psychologischen Aspekte eines Stils oft Ressourcen sind – bei Narzissten zum Beispiel eine hohe Leistungsbereitschaft, bei Histrionikern eine hohe Dynamik –, führen die Handlungen, die mit einer Störung verbunden sind, oft dazu, andere Personen zu verärgern: zu hohe Ansprüche und eine zu hohe Kritikempfindlichkeit bei Narzissten. Bei Histrionikern etwa die Tendenz, viel Aufmerksamkeit und Versorgung von anderen zu fordern, aber nur wenig zurückzugeben.

Warum empfehlen Sie, sich mit seinem eigenen Persönlichkeitsstil und dem seiner Mitmenschen zu beschäftigen?

Die eigenen Stile können, besonders bei starker Ausprägung, hohe Kosten – vor allem Beziehungskosten – verursachen. Um dies zu erkennen und zu vermeiden, ist es sinnvoll, den eigenen Stil zu kennen und zu reflektieren.

Von Personen, die einen bestimmten Stil aufweisen, wird man oft manipuliert, also veranlasst, mehr für diese zu tun, als man möchte. Wenn man das nicht will, ist es sinnvoll, den Stil von Interaktionspartnern zu kennen und zu verstehen, um sich auf deren Handeln gut einstellen zu können.

Wenn ich merke, dass mir mein Persönlichkeitsstil hohe Kosten verursacht – was kann ich tun, um ihn zu verändern?

Man sollte zunächst reflektieren, welchen Stil man selbst aufweist, und dann analysieren, was einen stört: Welche Reaktionen von anderen ärgern einen? Wo wird man frustriert? Was läuft noch gut? Ist das klar, muss man sich leider die Frage stellen: Wo hat man zu hohe Erwartungen und setzt andere vielleicht unter Druck oder nutzt sie aus?

Schlussendlich sollte man sich überlegen, was man an seinem eigenen Handeln ändern kann und will: Man sollte versuchen vorauszusehen, wie die Interaktionspartner auf eine Verhaltensänderung reagieren würden, das Handeln auch ausprobieren und testen, welche Wirkung es hat. Wirkt das neue Verhalten gut, hat man in der Regel wenig Mühe, es auch aufrechtzuerhalten.

Prof. Dr. Rainer Sachse, Diplompsychologe, ist Verhaltens- und Gesprächspsychotherapeut, Leiter des Instituts für Psychologische Psychotherapie in Bochum und lehrt klinische Psychologie an der dortigen Ruhr-Universität

Rainer Sachses Buch Persönlichkeitsstile. Wie man sich selbst und anderen auf die Schliche kommt (208 S., € 24,–) ist bei Junfermann erschienen

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2020: Emotional durchlässig
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