Wider die Starrheit

Mit psychischer Flexibilität lassen sich viele Probleme bewältigen, meint Steven Hayes, der Begründer der Akzeptanz- und Commitmenttherapie. ​

Eigentlich müsste es uns doch gutgehen: Noch nie zuvor in der Geschichte haben Menschen ein solches Maß an Wohlstand und Gesundheit erreicht wie heute. Zumindest in den privilegierten Teilen der westlichen Welt leben wir immer länger und besser. Aber sind wir auch glücklicher? Nein, sagt der Psychologe Steven Hayes. Der Wissenschaftler verweist auf Zahlen: So leiden jährlich 40 Millionen Amerikaner an irgendeiner Form von Angststörung. Das sind 18 Prozent der Erwachsenen. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus, hier liegt der Anteil bei 15 Prozent.

Damit nicht genug. Fast jeder zehnte Amerikaner sieht sich häufig psychischem Stress ausgesetzt. „Wir alle haben das Gefühl, dass es uns an Zeit mangelt. Die Selbstfürsorge bleibt auf der Strecke“, sagt Steven Hayes.

Sind wir also einfach nicht gemacht für die Gegenwart? Können wir uns an die gar nicht so schöne neue Welt, in der wir selbst und unsere Umwelt uns fortwährend via Smartphone mit höchsten Ansprüchen unter Druck setzen, also einfach nicht anpassen? Doch, meint Hayes. „Die gute Neuigkeit ist, dass die Verhaltenswissenschaft eine einleuchtende Antwort entdeckt hat, wie wir das Anpassungsproblem besser in den Griff bekommen.“ Der Schlüssel liegt für den Psychologen darin, dass wir psychisch flexibel werden.

Psychische Flexibilität ist ein Kernkonzept der Akzeptanz- und Commitmenttherapie – kurz ACT. Hayes hat ACT seit den 1980er Jahren entwickelt, erforscht und bekanntgemacht. Der Psychologe lehrt und forscht an der Universität von Nevada in Reno.

Für den amerikanischen Wissenschaftler ist psychische Flexibilität die Fähigkeit, „offen zu fühlen und zu denken“. Es gehe darum zu lernen, sich nicht von schmerzlichen inneren Erlebnissen abzuwenden, „sondern sich dem eigenen Leid zuzuwenden, um dadurch mehr Lebensbedeutung und Lebenssinn zu gewinnen“.

Im Vordergrund: die Sinnfrage

Doch warum soll sich zum Beispiel ein Mensch, der unter einer Angststörung leidet, seiner seelischen Pein zuwenden – will er seine Probleme nicht einfach loswerden? Der Grund ist einfach, sagt Hayes: weil wir unangenehme Gefühle oder verstörende Gedanken nicht loswerden können. Je mehr wir versuchen, sie wegzuschieben oder positiv zu denken, desto mehr beginnen sie in unserem Kopf zu kreisen. Verhalten wir uns so, nennt Hayes das „psychische Starrheit“. Wir behandeln das Leben dann „als Problem, das einer Lösung bedarf, und nicht als Prozess, den es zu durchlaufen gilt“. Doch wenn wir Seelenfrieden und Lebenssinn wollen, „sollten wir aufhören, nach einem Ausweg zu suchen und stattdessen nach einem Zugang zu unseren Problemen Ausschau halten“.

Es ist kein Zufall, dass Hayes hier die Sinnfrage in den Vordergrund stellt. Denn die Akzeptanz- und Commitmenttherapie kommt zwar aus der Tradition der Verhaltenstherapie, doch sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Methoden weiter fasst, als dies bei den klassischen Vertretern der Fall ist. Die ACT gehört zur sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie. Hier rücken stärker philosophische Fragestellungen in den Fokus, auch werden Elemente der Meditation ein­gesetzt.

Kurswechsel im Kopf, Steven Hayes aktuelles Buch, bietet einen auch für Nicht-Therapeuten gut verständlichen Einblick in die ACT. Dabei bleibt Hayes nicht bei trockener Theorie stehen. Er stellt die wichtigsten Tools der Therapie vor und erläutert, wie sie sich einüben lassen können. Das Ziel: Diejenigen Gedanken und Gefühle, die uns schmerzen, sollen nur als eine mögliche Interpretation der Wirklichkeit verstanden werden. Gelingt es uns, die Perspektive zu wechseln und flexibler zu denken, eröffnet sich uns die Möglichkeit, frei zu entscheiden, welchen Werten wir im Leben wirklich folgen wollen.

Nicht jede Anregung passt zu jedem Menschen, nicht jeder mag einen Nutzen darin sehen, problematische Gedanken in Worte zu fassen und zu singen oder „mit verschiedenen Stimmen [zu] sprechen“. Doch wer an sich selbst arbeiten möchte, für den sind insbesondere der zweite und dritte Teil des Buchs eine lohnenswerte Fundgrube. Eine Selbsttherapie bei ernsthaften psychischen Störungen ist so aber natürlich nicht möglich.

Steven C. Hayes: Kurswechsel im Kopf. Von der Kunst, anzunehmen, was ist, und innerlich frei zu werden. Aus dem amerikanischen Englisch von Ursula Bischoff. Beltz, Weinheim 2020, 496 S., € 27,95

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
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