Die historische Zahl: 1988

Der deutsche Psychologe Fritz Strack machte 1988 ein interessantes Experiment mit Stift und Mund: Halten die Erkenntnisse auch heute noch stand?

Die Illustration zeigt eine Gewichtheberin mit einem Mund als Kopf, der einen Bleistift zwischen den Zähnen hält, davor steht ein Mann und eine Frau mit einem Bleistift, während Münder mit Bleistift herumschwirren
© Klawe Rzeczy für Psychologie Heute

Fritz Strack sorgt mit einem Stift für Heiterkeit

Als die 92 Studentinnen und Studenten der University of Illinois einzeln den Versuchsraum betraten, fanden sie dort an ihrem Sitzplatz vor: einen runden dicken Filzstift, einen alkoholgetränkten Bausch und ein Papiertuch. Mit letzteren desinfizierten sie als Erstes mal den Stift, denn den sollten sie nun – Überraschung – der Länge nach in den Mund stecken. Als er etwa zur Hälfte in der Mundhöhle verschwunden war, mussten sie den Stift nun fixieren, und zwar je nach Versuchsbedingung entweder mit den Lippen oder mit den Zähnen. Ein „sensomotorisches Experiment“, Sie verstehen schon!

Tatsächlich aber hatte das Forschungsteam um den deutschen Psychologen Fritz Strack etwas ganz anderes im Visier. Sie hatten es auf die Mimik abgesehen, die ihre Versuchspersonen mit den beiden Posen unwillkürlich einnahmen: Hielten sie den Stift mit den Zähnen, so aktivierten sie in etwa dieselben Gesichtsmuskeln wie bei einem Lächeln. Umklammerten sie den Stift hingegen mit den Lippen, verhinderte der gerundete Mund jeden Anflug von Grinsen.

Nach ein paar ablenkenden Aufgaben kam das eigentliche Experiment: Die Studierenden betrachteten vier Cartoons von Gary Larson und bewerteten auf einer zehnstufigen Skala, wie witzig sie diese fanden. Und es bestätigte sich, was Strack vermutet hatte: Sobald die Freiwilligen unbeabsichtigt „grinsten“, kam ihnen der gezeichnete Witz gleich etwas komischer vor.

Ein zweiter, etwas abgewandelter Versuch an der Universität Mannheim bestätigte das Ergebnis. Das eigene Lächeln, obwohl gar nicht beabsichtigt, hatte die Studierenden fröhlicher gestimmt, so Stracks Interpretation. Emotionen beruhen also zumindest teilweise auf einer körperlichen Rückkopplung, ganz so, wie schon im 19. Jahrhundert Charles Darwin oder William James vermutet hatten: Ich lächle, also amüsiere ich mich!

Der Ruhm, den das Experiment weltweit rasch einheimste, schlug indes nach und nach in Spott um, denn: Das Resultat wollte sich in Replikationsstudien partout nicht wieder einstellen. Im Jahr 2016 kam eine Metaanalyse von 17 Experimenten zu dem Schluss: Ein Stift-Lächeln lässt die Lächelnden kalt. Doch 2022 folgte die Ehrenrettung. Eine Großstudie in 19 Ländern mit fast 4000 Stift-Lächelnden ergab: Und sie amüsieren sich doch! Allerdings ist der Effekt schwach.

Timeline

2022 Nicholas Coles bestätigt Stracks Theorie leidlich

2016 Jenny Baumeister beobachtet, dass Botox nicht nur das Lächeln lähmt

2010 Dana Carney findet strittige Hinweise, dass Posen selbstsicher machen

1988 Fritz Strack sorgt mit einem Stift für Heiterkeit

1884 William James beschreibt Gefühle als Folge von Körperreaktionen

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Wenn wir lächeln, steigt unsere Stimmung. Dies bestätigte eine Metaanalyse mit gut 11.000 Teilnehmern.
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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2023: Hast du ein Problem und willst es nicht haben, dann hast du schon zwei
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