Die sieben weiblichen Todsünden

Frauen zahlen einen hohen Preis, wenn sie ihrem Umfeld stets gefallen wollen. Elise Loehnen beschreibt die sieben weiblichen Todsünden in ihrem Buch.

Ein Bücherstapel mit den Büchern, die in Ausgabe 6/2024 vorgestellt werden
Das ist der Bücherstapel der Rezesionen aus der Juniausgabe 2024. © Psychologie Heute

Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn Frauen sich nicht immerzu um ihr Aussehen, sondern vielmehr um ihre Gesundheit kümmerten? Und wenn sie Wut oder Enttäuschung nicht in sich hineinfressen, sondern offen und respektvoll kommunizieren würden? In dem Buch Ich.Will.Gefallen dis­kutiert die Journalistin Elise Loehnen die kulturellen Erwartungen gegenüber Frauen – und ermuntert diese dazu, sich zum eigenen Wohle von einigen der kulturellen Konzepte zu lösen.

„In diesem Buch geht es um all die ‚falschen und ungesunden Dinge‘, die man uns beigebracht hat, die wir als Überzeugung verinnerlicht, in unsere sozialen Strukturen eingebaut und an künftige Generationen weitergegeben haben, so dass wir unsere unbewusste Unterdrückung selbst fortgeschrieben haben“, erklärt die Amerikanerin.

Habgier und Faulheit als Sünde

Sie strukturiert ihr Buch auf überraschende Weise, indem sie die sieben Todsünden aufgreift – jede in einem Kapitel – und darlegt, wie diese auch heutzutage für Frauen gelten: Völlerei ist tabu, die Frau soll schlank sein. Wollust ist verpönt, Frauen müssen ihre Lust kontrollieren. Sie dürfen nicht allzu stolz auf ihre Leistung sein, das wäre Hochmut, zeigt Loehnen. Trägheit ist tabu: Frau soll Kindeserziehung und Karriere meistern.

Im Kapitel zur Wut spricht die Autorin den häufig ungesunden Umgang von Frauen mit ihrem Zorn und Frust an: „Die Zensur offen wütenden Verhaltens bei Frauen reicht weit zurück: Es gibt keinen privaten oder öffentlichen Lebensbereich, in dem Mädchen lernen könnten, mit ihrer Wut umzugehen“, schreibt Loehnen.

In den weiteren Kapiteln ist die Autorin ähnlich kritisch – aber auch nüchtern und realistisch. „Wenn wir glauben, dass Habgier Sünde ist, verweigern wir uns Sicherheit“, schreibt sie. „Wenn wir glauben, dass Faulheit Sünde ist, verweigern wir uns das Ausruhen.“

Die Rückkehr zu uns selbst

Loehnen rundet ihr Buch mit dem Kapitel „Neuordnung. Die Rückkehr zu uns selbst“ ab. Hier bedient sie sich des Neuen Testaments, um ihre Leserinnen und Leser zum Umdenken und Handeln einzuladen. Dafür zieht sie Maria Magdalena heran, die laut Loehnen die sieben Todsünden in sich trug. „Wenn wir ihr Erbe einfordern, ihre Lehren und alles, wofür sie steht, finden wir vielleicht den Weg zurück zu uns selbst“, schreibt die Autorin.

Manche Lesende könnten sich an der prominenten Rolle der Religion in Loehnens Buch stören. So zitiert die Autorin beispielsweise die Amerikanerin Carissa Schumacher, die sich selbst als das Medium von Jesus Christus bezeichnet. Aber wer Loehnens Umgang mit der Religion offen begegnet, wird von dem Buch profitieren. Die Lektüre bietet zwar keine neuen feministischen Erkenntnisse, aber sie wirkt befreiend und motivierend, weil die Autorin mit gleich mehreren kulturellen Einflüssen hart ins Gericht zieht.

Elise Loehnen: Ich. Will. Gefallen. Der Preis, den Frauen zahlen, um gut genug zu sein. Aus dem Amerikanischen von ­Elisabeth Liebl. Knaur 2023, 400 S., € 24,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2024: Im Erzählen finde ich mich selbst
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