Keine Angst sich gegen Missbrauch zu wehren

Sexuell missbraucht von einem Familienangehörigen und niemand glaubt einem? Nach 21 Jahren fand Bianca Schatz den Mut, sich zu wehren.

Bianca Schatz erzählt:

„21 Jahre habe ich gebraucht, um den Mann zur Rechenschaft zu ziehen, der mein Leben zerstört hat. Warum? Weil mir meine Verwandtschaft eingeredet hat, dass ich dem Druck vor Gericht nicht standhalten würde. So hatte ich Angst, mich zu wehren.

Ich war sechs Jahre alt, als ‚es‘ passierte: Mein Patenonkel, bei dem ich damals wohnte, zwang mich, ihn am steifen Penis anzufassen. Viermal machte er das. Beim vierten Mal sah meine Tante durch den Türspalt. Und sagte nichts.

Meine ältere Schwester spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Als wir allein waren, platzte alles aus mir heraus und sie stellte meine Tante zur Rede. ‚Bianca erzählt Geschichten‘, sagte meine Tante. Trotzdem machten ‚die Geschichten‘ natürlich die Runde, weshalb mich meine Tante mehrfach nachts aus dem Bett riss und vor der versammelten Verwandtschaft verhörte. Ich brachte kein Wort heraus. Niemand glaubte mir.

"Ich bin jetzt seine Stimme!"

Jahrelang lebte ich mit dieser furchtbaren Erfahrung, bis ich eine Freundin traf, die mit der Tochter meines Peinigers befreundet war. Sie erzählte mir, er vergehe sich jetzt unbehelligt an seinem Enkelkind.

Als ich das hörte, legte sich bei mir ein Schalter um. Ich spürte keine Angst mehr, nur noch Wut. Ich muss diesem Zwerg helfen, ich bin jetzt seine Stimme!‘, dachte ich und ging zur Polizei, gerade noch rechtzeitig vor Verjährung seiner Taten an mir.

Natürlich war die Gerichtsverhandlung hart. Leider hat mein Patenonkel gestanden, was sich strafmildernd ausgewirkt hat. Aber ich habe jetzt die Genugtuung, dass alle wissen, was wirklich passiert ist.“

Mehr erzählen Bianca Schatz und andere über ihre Erfahrungen im Buch unSICHTBAR. Wir zeigen Gesicht.

Artikel zum Thema
Beruf
Jeden Tag muss er Fotos und Videos von Kindesmissbrauch sichten. Ein Kriminalpolizist berichtet, wie er das aushält und warum er es weiterhin tut.
Beruf
Wer bei der Polizei arbeitet, sieht vermehrt Leid und Gewalt. Was braucht es, um den positiven Blick nicht zu verlieren?
Leben
Ulrich Schnabel fragt in seinem Buch „Zuversicht“, was es mit der Haltung des Lebensmuts auf sich hat.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2024: Meine perfekt versteckte Depression
Anzeige
Psychologie Heute Compact 76: Menschen lesen