Das queere Deutschland: „Es war nie ganz stockfinster“

Queeres Leben in Deutschland – damals und heute. Benno Gammerl erzählt die Geschichte als eine nie geradlinige Entwicklung bis hin zur Emanzipation.

Abschaffung des Paragrafen 175, die Ehe für alle, Antidiskriminierungsgesetze und der mögliche Geschlechtseintrag „divers“ im Personalausweis – hinsichtlich Toleranz und der rechtlichen Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transpersonen hat sich enorm viel getan in den letzten Jahrzehnten, und es liegt nahe, die Emanzipation queeren Lebens in Deutschland als eine Erfolgsgeschichte zu erzählen.

Doch der Historiker Benno Gammerl hält nichts von solchen einlinigen Interpretationen. Geschichte, so legt er in seinem Überblickswerk dar, verläuft nicht kontinuierlich, sondern ist von Widersprüchen geprägt: Fort- und Rückschritte, Befreiungen und Diskriminierungen über­lagern sich: „Zu keiner Zeit war die queere Vergangenheit reines Wohlgefallen. Es war aber auch nie ganz stockfinster.“

Über Identität, Aktivismus, Nachtleben und Mode

Diese – überdies erste – zusammenfassende Geschichte queeren Lebens in Deutschland führt chronologisch vom Beginn des 20. Jahrhunderts, den frühen Theorien zu Homosexuellen als „Urningen“, „Urninden“ oder „drittem Geschlecht“ bis zur queerdiversen Gegenwart, die immer mehr Farben zu der Regenbogenfahne hinzufügt. Geschickt verknüpft der Autor dabei die Ebenen von wissenschaftlicher Erforschung sexueller Begehrenslagen und Identitäten, politischem Aktivismus und Lifestyle, also dem schwul-lesbisch-transidenten Nachtleben, Moden, Film­schaffen und Publikationswesen.

Der Rückblick verrät, dass vieles von dem, was uns heute umtreibt, immer wieder und auch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert wurde. Damals etablierte sich eine Sexualforschung, etwa mit Magnus Hirschfelds berühmtem Berliner Institut für Sexualwissenschaft, wo man in den 1920er Jahren auch die ersten – und im Rückblick grausamen – Operationen zur Geschlechtsangleichung durchführte.

Kampf gegen Paragraf 175

Die Geschichte schwulen Lebens in Deutschland ist geprägt vom langen Kampf gegen den Paragrafen 175, der „Unzucht zwischen Männern“ unter Strafe stellte. Er galt im Kaiserreich und in der Weimarer Republik – trotz aller aufklärerischen Bemühungen – und wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft, die auch dem Nachtleben und der beginnenden Toleranz ein jähes Ende bereitete, noch verschärft.

Auch die prüden 1950er und 1960er Jahre standen noch im Zeichen des Paragrafen 175, der in der DDR früher entschärft und abgeschafft wurde als in der BRD – wo er schließlich für Gesamtdeutschland noch bis 1994 in Kraft war.

Auf teils unterschiedliche, teils ähnliche Weise entwickelte sich Deutschland auf beiden Seiten der Mauer aus Verklemmtheiten heraus zu mehr sexueller Liberalität. Die 1970er und die 1980er Jahre standen für mehr Sichtbarkeit des queeren Lebens, der erste schwule Fernsehkuss erfolgte 1987 in der Sendung Lindenstraße.

Zur Toleranz und Akzeptanz hätten Kapitalismus und Konsumkultur ihr Scherflein beigetragen, betont Benno Gammerl. Aber auch Krisen und Backlashs können auf lange Sicht emanzipatorisch wirken, wie etwa die Auseinandersetzungen um den Umgang mit Aids in den 1980er Jahren zeigen.

Mehr Toleranz bedeutet auch mehr Druck

Eine einzige Queerbewegung gab es nie. Zu allen Zeiten stritten sich radikale und moderate Positionen, gab es den „Tuntenstreit“ in der schwulen Szene, die sex wars in der lesbischen, und auch die Erfolge im Kampf um Emanzipation waren nicht immer leicht zu verkraften. Denn nicht allen behagte die „Normalisierung“, die mit mehr Toleranz einhergeht. Größere Freiheit in der Lebensgestaltung bedeutet auch mehr Druck, ein „gelingendes Leben“ zu führen. Die Ausdifferenzierung der gendernonkonformen Szenen heute – die neben queeren auch ethnische Aspekte betonen – sieht der Autor positiv: „Differenzen verschwinden nicht im queeren Spektrum, aber man kann entspannter mit ihnen umgehen.“

Benno Gammerl, der als Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz lehrt, trägt auf knappem Raum beeindruckend viel Material zusammen. Besonders angenehm sind sein unaufgeregt sachlicher, gut lesbarer Sprachstil und die Umsicht, mit der er versucht, allen Perspektiven gleichermaßen Raum zu geben: der schwulen, lesbischen, transidenten, der deutschen Ost- und Westperspektive.

So gelingt es ihm zu zeigen, was er sich vorgenommen hat: Queere Geschichte ist nicht einlinig. Sie ist aber auch keine abgetrennte, „besondere“ Geschichte. Am Beispiel der Ehe zeigt der Autor, wie „genderkonformes“ und „gender­nonkonformes“ Leben sich immer schon gegenseitig beeinflusst haben. Auch die heterosexuelle Ehe ist heute eine andere als im Kaiserreich. Daran hatte queeres Leben seinen Anteil.

Benno Gammerl: Queer. Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute. Hanser 2023, 272 S., € 24,–

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