Von der Utopie des perfekten Lebens

Sehnsucht ist am stärksten, wenn sie etwas symbolisiert, das gerade fehlt. Alexandra Freund über ein bitter-süßes Gefühl, das wir brauchen.

Eine ältere Frau mit langen grauen Haaren schaut sehnsüchtig auch dem Fenster und träumt von dem perfekten Leben
​Die Côte d’Azur, der Sonnenuntergang, Wind im Haar: Solch ein Bild kann intensive Gefühle hervorrufen, wenn wir uns gerade bei grauem Winterwetter im Büro abstrampeln. © Westend61/Getty Images

Professorin Freund, wenn ein Kind Sie fragte: „Wer hat eigentlich die Sehnsucht erfunden?“, was würden Sie antworten?

Natürlich hängt die Antwort ab vom Alter des fragenden Kindes, dennoch ist diese Frage in vielerlei Hinsicht interessant: Zum einen ist Sehnsucht sowohl ein stark kulturell verankertes Phänomen als auch eine anthropologische Konstante, also etwas, das Menschen über Kulturen und historische Zeiten hinweg gemeinsam ist. Von daher ist sie im Sinne der kulturellen Verankerung gleichzeitig „erfunden“ und dem Menschen eigen. Zum anderen ist Sehnsucht etwas, was sich über die Lebenszeit erst entwickelt und in der frühen Kindheit noch nicht existiert, da hierzu die kognitiven und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen fehlen. Insofern „erfindet“ jede und jeder von uns seine eigenen Sehnsüchte. Sie ergeben sich aus unserem spezifischen Lebenslauf, unserer Persönlichkeit, unseren Vorstellungen und Träumen von der Utopie des perfekten Lebens.

Was aber nun ist Sehnsucht?

Wir definieren Sehnsucht als ein intensives bittersüßes Gefühl, das sich symbolhaft auf Dinge bezieht, die das Leben vervollkommnen würden. Dem liegt die – oft nicht explizite – Einschätzung zugrunde, dass das eigene Leben so, wie es ist, nicht perfekt ist, dass einem etwas fehlt. Sehnsucht entspringt dem gefühlten Defizit zwischen dem idealen und dem tatsächlichen Leben. Das kann sich auf etwas Benennbares beziehen wie die große Liebe, Unbeschwertheit oder Freiheit. Manchmal kann eine Sehnsucht aber auch dem allgemeinen Gefühl eines Defizits entspringen, und man weiß nicht, wonach man sich sehnt, außer dass im eigenen Leben irgendwas anders sein sollte. Um noch einmal auf die Frage des Kindes zurückzukommen, wer die Sehnsucht erfunden hat: Da wir alle nicht perfekt sind, ist die Sehnsucht als eine menschliche Erfahrung nicht „erfunden“.

Spiegeln Sehnsüchte in einer bestimmten Kultur auch die vorherrschenden Vorstellungen starker Wünsche wider?

Ja, sie entwerfen Visionen, wie in einer bestimmten historischen Epoche das perfekte Leben sein sollte. Die kulturelle Seite von Sehnsucht wird insbesondere in der Zeit der deutschen…

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