Warum fühlen wir?

Karl Deisseroth verwebt aktuelle Erkenntnisse der Neurowissenschaften mit psychiatrischen Fallgeschichten, um neue Behandlungsansätze aufzuzeigen.

Mit heutigen Technologien können wir eine psychiatrische Erkrankung nicht sichtbar machen. Wie also lässt sich das Leiden erfassen und angehen? In seinem beruflichen Alltag nähert sich der amerikanische Neurowissenschaftler Karl Deisseroth Erkrankungen wie der Magersucht und Psychose auf drei Arten: durch Instrumente der Akutpsychiatrie (etwa Medikamente), durch ausführliche Gespräche mit Betroffenen und durch wissenschaftliche Studien. Alle drei Vorgehensweisen beschreibt er in seinem Buch.

Als Arzt in der psychiatrischen Notaufnahme hilft Deisseroth Menschen bei Zusammenbrüchen und in ihren verwundbarsten Momenten – und teilt einige Fallgeschichten mit seiner Leserschaft. Die Kommunikation mit Betroffenen ist ihm spürbar wichtig, dieser Austausch prägt daher sein Buch: Der Autor lässt Patientinnen und Patienten ausführlich zu Wort kommen – beispielsweise Aynur, deren Ehemann in einem chinesischen Arbeitslager festgehalten wurde und die nicht nach Hause kann.

Einige von Karl Deisseroths Patienten können nicht selbst das Wort ergreifen. So wie etwa der demenzkranke Mr. Norman, dessen schutzsuchende kindliche Reflexe der Autor detailliert und sehr berührend schildert. Hier eröffnet er uns die Möglichkeit, tief in die Gefühlswelt und das Erleben der Betroffenen einzutauchen, wodurch er unser Verständnis und unsere Empathie fördert.

Neue potentielle Behandlungsansätze

Karl Deisseroth, Neurobiologe an der Stanford University, ist ein Pionier der Optogenetik, einer biologischen Technologie, die es erlaubt, die Aktivität von Nervenzellen mit Licht zu kontrollieren. Seine Studienbeobachtungen, für die er als Anwärter auf einen Nobelpreis gilt, lässt er in das Buch einfließen – er setzt dabei bei seinen Leserinnen und Lesern kein Wissen voraus. „Indem wir mittels optogenetischer Verfahren bestimmte Schaltkreise aktivieren, können wir Tiere dazu bringen, sich mehr oder weniger aggressiv, abwehrend, sozial, schläfrig oder dynamisch zu verhalten“, fasst er zusammen.

Diese summierenden Stellen stehen manchmal in jähem Kontrast zu den bisweilen poetisch klingenden Monologen der Betroffenen. Aber sie sind zu Recht ein Teil des Buches: Dort, wo Kommunikation kaum möglich ist, scheint Optogenetik anknüpfen zu können. Etwa bei Charles, einem autistischen Patienten. Deisseroths Studien fördern sowohl Erkenntnisse über die Ursachen von Charles’ Empfindungen und Problemen als auch hinsichtlich potenzieller Behandlungsansätze.

Der Stoff, aus dem Gefühle sind ist emotional und intellektuell fordernd. Gleichzeitig ist es faszinierende Lektüre, die zeigt: Das Ich – von der Außenwelt lediglich durch eine dünne Hautschicht getrennt – ist von erstaunlicher Tiefe und Intensität, zu der Worte und Wissenschaft immer wieder neue Zugänge schaffen.

Karl Deisseroth: Der Stoff, aus dem Gefühle sind. Über den Ursprung menschlicher Emotionen. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer. Blessing, München 2021, 304 S., € 24,–

„Hoffnung ist ein Gut, das sorgfältig reguliert und sparsam dosiert werden sollte. Ein Übermaß an Hoffnung kann schädlich, womöglich tödlich sein“

Karl Deisseroth

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