Mein bislang letzter Friseur

Der eine sah aus wie Ion Tiriac aus der Wetterau, der andere unterhielt sich moderat. Schriftsteller Andreas Maier über die Friseure seines Lebens.

Die Illustration zeigt einen Radfahrer der auf einem Radweg aus Haaren fährt und eine Schere schneidet die Spitzen ab
© Jan Robert Dünnweller für Psychologie Heute

Dass ich zum inzwischen fast ganz alten Eisen gehöre, kann man am Begriff „Friseur“ festmachen. Fast unvorstellbar, wie das früher beim Friseur zuging, vor 45, 50 Jahren. Es war eine Herrenstube. Es roch nach Herren. Nach diesem Geruch, den Anzüge ausströmten, als man noch Anzüge trug, Tag für Tag, ohne viele davon zu haben. Ein fast serieller Geruch. Der Geruch der Anzüge meines Vaters ordnete sich dem der anderen unter. Alle rochen gleich. Vermischt mit dem Odeur von Rasier- und Haarwasser.

Beim Friseur, wie ich ihn kannte, saßen also die Herren. Frauen gab es da nicht, die saßen in anderen Salons unter dicken Hauben und lasen Zeitschriften. Die Herren dagegen rauchten und tranken Kaffee und Bier. Mein Vater nicht. Er ging nicht allzu gern dorthin, sondern aus Notwendigkeit. Er meinte, sich von der üblichen Kleinstadtgesellschaft, in die er durch die Heirat mit meiner Mutter gekommen war, doch ein wenig zu unterscheiden. Er trank kein Bier, rauchte keine Zigarren oder Zigaretten und mochte keinen Tratsch, was stets das Hauptgesprächsthema beim Friseur war. Aber hin muss­te er ebenso wie ich.

Ich empfand es stets als brutal, zum Friseur geschleppt zu werden. Gegen meine Haare hatte ich nichts, auch wenn sie länger wurden. Von mir selbst aus meldete ich nie den Wunsch an, die Haare geschnitten zu bekommen.

Jener erste Friseur meines Lebens hieß Latka. Er trug eine dicke Hornbrille und natürlich einen Anzug unter dem Kittel. Die Schere lag in seiner Hand wie ein medizinisches Instrument. Und blitzte ebenso mitleidslos. Mein Vater gab die Anweisung, wie ich zu schneiden wäre. Es war immer…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2022: Das Tempo der Liebe
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