Nein sagen lernen

Hilfsbereitschaft ist ehrenwert. Doch wer sich ständig um jede und jeden kümmern will, überfordert sich. Wie wir lernen, nein zu sagen.

Die Illustration zeigt eine Frau mit Regenschirm, während um sie herum die verschieden farbige Regentropfen fallen
© Karsten Petrat für Psychologie Heute

Die "gute Seele des Teams“ – auf diesen informellen Titel war Jane Gerber (deren Name wir geändert haben) lange stolz. Fragen von Kollegen beantwortete sie freundlich und gewissenhaft, selbst in der Mittagspause und kurz vor Feierabend. Kummer aller Art hörte sie sich geduldig und mitfühlend an. Ihre Hilfsbereitschaft sprach sich herum. „Kannst du mal kurz auf meine Präsentation schauen?“ „Hilfst du mir mit der Exceltabelle, ich tue mich so schwer damit.“ „Tauschst du den Sommerurlaub mit mir? Du bist doch nicht an die Schulferien gebunden.“ Bevor die Industriekauffrau überlegen konnte, ob sie wirklich Zeit und Lust hatte, auf solche Bitten einzugehen, war ihr schon ein „Ja klar, gern“ herausgerutscht.

Irgendwann war sie so damit beschäftigt, anderen zu helfen, dass sie abends länger bleiben musste, um ihre eigene Arbeit zu schaffen. Ganz besonders sorgte sie sich um einen Kollegen, der immer wieder depressive Schübe hatte. In kritischen Phasen rief er sie auch nach Feierabend zu Hause an. Die Telefonate dauerten oft eine Stunde. Ihr Mann war genervt und sagte: „So geht es nicht weiter.“ Als Jane Gerber schließlich zu Martin Wehrle in die Beratung kam, fehlte nicht viel zu einem Burnout.

Wehrle berät und coacht Berufstätige bei Aufstieg und Fortentwicklung, aber auch bei Problemen wie Stress, Überforderung – oder eben mangelnder Abgrenzung. Er beschreibt in sei­nem Buch Den Netten beißen die Hunde anschaulich, was passiert, wenn Menschen sich vor allem auf die Interessen von…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2022: Nein sagen lernen
Psychologie Heute Compact 70: Was in schweren Zeiten hilft
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