Wer nicht handeln kann, muss fühlen

Die Crux bei allem Erzählten und Erinnerten: Der Plot steht fest. Wir können nicht eingreifen. Nur mitfühlen. Ein Essay von Fritz Breithaupt.

Der Forscher, Fritz Beithaupt, sitzt lächelnd vor einer Tafel , vor ihm steht ein präpariertes Fossil
© Ryan Hulvat für Psychologie Heute

Fritz ist so ein vernünftiges Kind, schrieb meine erste Grundschullehrerin, immerhin eine bayrische Prinzessin von und zu, in mein Zeugnis. Die musste es ja wissen. Andere nannten es Besonnenheit. Doch wozu führt die Besonnenheit eines Kindes und was wird aus ihm? Auch die Besonnenheit hat ihre Schattenseiten.

Meine vernünftige Besonnenheit war zu Zeiten der antiautoritären Erziehung der Siebziger auf jeden Fall auffällig. Schon vor der Schulzeit war sie meinen Eltern ein Dorn im Auge. Ich war vier und fünf, als mein Vater als Diplomat in London arbeitete. In der deutschen Botschaft wurden unter dem Personal bisweilen wenig geliebte Umschläge verteilt. In ihnen stand, wer wo die Bundesrepublik zu repräsentieren hatte.

So konnte etwa der Verband für Deutsche Schäferhunde in Birmingham aus Anlass seines 75-jährigen Bestehens einen Vertreter der Republik anfordern. Oder eine deutsche Niederlassung eines Maschinenbauers konnte eine Werkeröffnung feiern, was natürlich ebenfalls hochoffizielle Anwesenheit verlangte.

Unter diesen Umschlägen waren auch einige, die spezifisch die Anwesenheit einer Familie mit Kindern erforderten. Zuoberst darunter war derjenige der royal family, die zu bestimmten Tagen wie Weihnachten Gäste aus den wichtigen Botschaften einlud. Und als damals einzige Familie mit einem passablen Kind in der deutschen Botschaft ging dieses Los stets an meine Eltern. Dieser besonnene Junge, da war man sich sicher, war hinreichend artig und wusste sich zu benehmen. Tatsächlich schien Queen Mum den kleinen Deutschen im Matrosenanzug dann auch zu mögen, und sie erkundigte sich nach mir. Mein Vater dagegen war schlechter Laune über den in Höflichkeiten verlorenen Nachmittag.

Die Rebellion habe ich in späteren Jahren reichlich nachgeholt, doch irgendwie hat mich auch da diese kindliche Besonnenheit begleitet, die, so scheint es mir heute, bei aller Bravheit schon im Keim etwas von Auflehnung hatte. Sie muss wohl irgendwo in meiner Londoner Kindheit wurzeln.…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2022: Nein sagen lernen
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