Sagen Sie mal, Herr Rauchfleisch: Woran erkennt man Beziehungsabhängigkeit?

Woran man Beziehungsabhängigkeit erkennt, erklärt der Psychoanalytiker Udo Rauchfleisch im Interview.

Die Illustration zeigt den emeritierten Professor für klinische Psychologie und Psychoanalytiker und Psychotherapeuten, Dr. Udo Rauchfleisch
Dr. Udo Rauchfleisch ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Basel. © Jan Rieckhoff

Herr Rauchfleisch, was versteht man unter „Beziehungsabhängigkeit“?

Die Beziehungsabhängigkeit umfasst ein weites Spektrum. Dieses reicht von Wünschen, sich an andere Menschen anzulehnen und sich ihnen weitgehend zu überlassen, bis hin zu quälenden Abhängigkeiten emotionaler und finanzieller Art. Das zugrunde liegende Gefühl ist, ohne die andere Person nicht existieren zu können. Die Symptome einer Beziehungsabhängigkeit sind die oft geradezu verzweifelte Suche nach Zuwendung und Unterstützung sowie die Angst, verlassen zu werden.

Wenn es um eine Abhängigkeitsstörung mit Krankheitswert geht, sprechen wir von einer „abhängigen oder dependenten Persönlichkeitsstörung“, bei der sich die genannten Symptome in schwerer Ausprägung finden und die gesamte Lebensführung dieser Person beeinträchtigen. Deutlich weniger ausgeprägt sind die Symptome bei einem „dependenten Persönlichkeitsstil“. Dies sind Menschen, die in ihren Beziehungen zwar eine Abhängigkeitsdynamik erkennen lassen, aber über ein stabileres Selbstwertgefühl verfügen und sich nicht so weit wie Personen mit einer Persönlichkeitsstörung in die Abhängigkeit hineinziehen lassen.

Worin sehen Sie die Ursachen für diesen Persönlichkeitsstil oder gar eine -störung?

Viele Menschen mit einer Beziehungsabhängigkeit wurden in ihrer Kindheit und Jugend nicht genügend ermutigt und positiv bestätigt und haben oft keine bedingungslose Liebe empfangen. Umgekehrt können aber auch Eltern, die ihrem Kind nichts zutrauen, ängstlich und überfürsorglich sind, die Entwicklung eines dependenten Persönlichkeitsstils begünstigen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass man eine solche Situation nicht einfach den Eltern als „Schuld“ anlasten kann. Viele Eltern sind durch persönliche und ökonomische Probleme nicht in der Lage, ihren Kindern gerecht zu werden.

Aber ist Liebe nicht immer eine Art von Abhängigkeit?

Einerseits zeigt die Liebe – vor allem in den ersten Stadien der Verliebtheit – ähnliche „Symptome“ wie Abhängigkeiten, so etwa das „rauschartige Erleben“ der Liebenden, das dem Alkoholrausch ähnlich ist. Die Einengung des Denkens und der Gefühle auf die geliebte Person gleicht dem unstillbaren Drang des Drogenabhängigen, sich das Suchtmittel einzuverleiben, und die Trennung von der geliebten Person löst „Entzugserscheinungen“ aus.

Der Unterschied zwischen Liebe und Abhängigkeit liegt jedoch darin, dass sich liebende Menschen auf Augenhöhe begegnen, sich willentlich in eine gewisse Abhängigkeit begeben, sich darin aber nicht verlieren und dieser Beziehung nicht ohnmächtig ausgeliefert sind.

Was raten Sie jemandem, der erkennt, dass er beziehungsabhängig ist?

Ein erster Schritt ist, sich des Abhängigkeitscharakters der Beziehung bewusstzuwerden. Der nächste Schritt wäre, mit einer vertrauten Person darüber zu sprechen. Allein schon durch das Formulieren der Gefühle wird sich einiges klären. Wenn die vertraute Person dann ihre eigene Einschätzung bei­steuert, klärt sich die Situation weiter.

Gemeinsam kann dann auch nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. Falls sich aufgrund der Beziehungsabhängigkeit schwere psychische und/oder soziale Probleme ergeben, sollte die betreffende Person unbedingt fachliche psychotherapeutische und unter Umständen auch sozialarbeiterische Hilfe in Anspruch nehmen.

Dr. Udo Rauchfleisch, emeritierter Professor für klinische Psychologie, ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Basel.

Literatur

Udo Rauchfleischs Buch Wenn Beziehung abhängig macht. Ein Ratgeber ist bei Patmos erschienen (168 S., € 18,–).

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