PH Live-Talk Essstörungen

Über Magersucht, Bulimie und Binge-Eating sprechen wir mit Kinder- und Jugendpsychiaterin Prof. Dr. T. Legenbauer und Familientherapeutin N. Hümpfner

Ein sehr schlankes Mädchen hat die Hände in die Hüften gestemmt und lehnt sich an einen Schrank
Bei der Essstörung Magersucht empfinden sich junge Mädchen als zu dick © Elena Kholkina www.offonroad.com/Getty Images

Essstörungen sind weit verbreitete psychische Erkrankungen, die schwerwiegende psychische, soziale und körperliche Beeinträchtigungen mit sich bringen. Was sind die Ursachen, was die auslösenden Faktoren für Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung? Wie können Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen, wie sie sich am Esstisch verhalten?

Darüber sprechen wir mit der Kinder- und Jugendpsychiaterin und -psychotherapeutin Prof. Dr. Tanja Legenbauer und der Familientherapeutin Nicola Hümpfner am 16. November 2023 in einer digitalen Psychologie Heute-live!-Veranstaltung. Melden Sie sich gerne hier an.

Welche Essstörungen gibt es?

Zu den drei häufigsten Krankheitsformen bei Kindern und Jugendlichen zählen:

Magersucht (Anorexia nervosa) ist durch das krankhafte Bedürfnis gekennzeichnet, Gewicht zu reduzieren. Die Betroffenen haben so große Angst vor Gewichtszunahme, dass sie aktiv auf ihr Körpergewicht einwirken, indem sie extrem hungern, sehr viel Sport treiben oder Medikamente wie etwa Abführmittel einnehmen. An Magersucht Erkrankte nehmen ihren Körper häufig verzerrt wahr und wünschen sich, superschlank zu sein. Die Anorexie verzeichnet unter allen psychischen Erkrankungen die höchste Sterblichkeitsrate.

Bulimie (Bulimia nervosa) wird auch Ess-Brech-Sucht genannt, da die Erkrankten nach unkontrolliertem Essen absichtlich Erbrechen herbeiführen. Auch hier ist eine krankhafte Angst vor dem Dicksein charakteristisch. Gleichzeitig drehen sich die Gedanken stark um Nahrungszufuhr. Die Betroffenen streben nach einem perfekten Körper, denn davon hängt ihr Selbstwertgefühl in hohem Maße ab. In der Regel sind die Erkrankten normalgewichtig, sie können aber auch unter- und übergewichtig sein.

Essattacken mit Kontrollverlust (Binge-Eating-Störung) folgen einem wiederkehrenden Muster, bei dem binnen kürzester Zeit übermäßig große Mengen verzehrt werden. Da die Betroffenen keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen ergreifen, führt die Binge-Eating-Störung häufig zu Übergewicht und schwerer Adipositas (Fettleibigkeit). Mit den Essanfällen geht ein Kontrollverlust einher, der in Schamgefühle, Selbstverurteilung, Wut und depressive Verstimmungen mündet. Daraus kann ein Teufelskreis entstehen.

Wie häufig treten die einzelnen Essstörungen auf?

Laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts zeigen 19,8 Prozent der Kinder- und Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren Anzeichen einer Essstörung, was nicht gleichbedeutend mit einer Diagnose ist.

Von den drei Erkrankungsformen ist die Binge-Eating-Störung die häufigste, gefolgt von der Bulimie. Die bekannteste Form, die Magersucht, tritt am seltensten auf. Unter 1.000 Mädchen und Frauen erkranken laut der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa

  • 28 an einer Binge-Eating-Störung

  • 19 an Bulimie

  • 14 an Magersucht.

Essstörungen können sowohl in Reinform, als auch in Mischformen auftreten, beide Varianten treten in etwa mit gleicher Häufigkeit auf.

Gibt es geschlechterspezifische Unterschiede?

Essstörungen betreffen überwiegend das weibliche Geschlecht. Bei Mädchen zeigen sich mit 29 Prozent doppelt so häufige Symptome wie bei Jungen (15 Prozent). Von 1.000 Männern erkranken im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa 10 an einer Binge-Eating-Störung, 6 an einer Bulimie und 2 an Magersucht. Die Erkrankung wird bei ihnen deutlich seltener behandelt, da Stigmatisierung befürchtet wird und Essstörungen als „Frauenkrankheit“ gelten.

Seit der Corona-Pandemie befinden sich Magersucht und Bulimie auch bei Jungen und Männern auf dem Vormarsch. Besonders unter den 18- bis 24-Jährigen nahmen diese nach Angaben der KKH Kaufmännische Krankenkasse mit 19 Prozent „rekordverdächtig“ zu.

Werden immer mehr Diagnosen gestellt?

Eindeutig: Ja. Im Jahr 2011 litten elf von 1.000 Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 unter einer Essstörung. 2019 bekamen 12,9 von 1.000 die Diagnose. Im ersten Pandemiejahr 2020 dann 13,4. Im Jahr darauf waren laut KKH Report von 1.000 Jugendlichen 17,6 erkrankt.

Mitunter erfordert der Gesundheitszustand der Heranwachsenden einen Aufenthalt in einer Klinik, auch hier lässt sich eine Zunahme erkennen.

Von 2018 bis 2020 stagnierten die Behandlungen in Kliniken und Spezialeinrichtungen auf hohem Niveau. In den Jahren 2021 und 2022 stiegen die Fallzahlen kontinuierlich. Das Jahr 2022 markiert den Höchstwert der Behandlungen bei jugendlichen Mädchen. In jenem Jahr wurden sie fast fünfmal häufiger stationär therapiert als gleichaltrige Jungen.

Der Kinder- und Jugendreport der Krankenversicherung DAK aus dem Jahr 2023 berichtet über einen Anstieg von stationär behandelten Angststörungen bei jugendlichen Mädchen von 2019 bis 2022 um 35 Prozent.

Weshalb erkranken immer mehr Heranwachsende?

Die Coronazeit mit ihren Einschränkungen wie etwa Kontaktverbote und Home-Schooling wirkte sich zufolge insgesamt negativ auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus. Ängste, depressive Verstimmungen, Verhaltensauffälligkeiten sowie psychosomatische Krankheiten zählen laut der COPSY-Studie zu den häufigsten Beschwerden.

Seit einigen Jahren diskutieren Wissenschaftlerinnen über einen negativen Einfluss der sozialen Medien und den dort gezeigten unrealistischen Schönheitsidealen. Forschende des University College London konnten bei der Altersgruppe der 10- bis 24-Jährigen einen direkten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social Media und der Entstehung von Essstörungen, psychischen Erkrankungen und Körperbildstörungen nachweisen.

In welchem Alter treten Essstörungen auf?

Mehrheitlich zeigt sich das Krankheitsbild in jungen Jahren. Die Magersucht beginnt vor allem im frühen Jugendalter beziehungsweise der Pubertät, aber auch im jungen Erwachsenenalter. Bulimie und vor allem die Binge-Eating-Störung setzen meist etwas später ein als die Magersucht, also meist im späteren Jugendalter und jungen Erwachsenenalter. Stationär behandelte Essstörungen treten meist erst ab dem zehnten Lebensjahr auf, Teenagerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren werden fast viermal so häufig in Fachkliniken und Spezialstationen therapiert als 10- bis 14-Jährige. (DAK)

Dennoch können Menschen auch im mittleren und sogar im späteren Lebensalter erstmals an einer Essstörung erkranken.

Mehr über die Referentin Prof. Dr. Tanja Legenbauer

Legenbauer ist Psychologie-Professorin und Leiterin der Forschungsabteilung LWL Universitätsklinik Hamm der Ruhr-Universität Bochum, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik. Ihr Schwerpunkt liegt auf Gewichtsregulationsstörungen, Körperbildstörungen und impulsivem Verhalten.

Mehr über die Referentin Nicola Hümpfner

Hümpfner leitet den Bereich „Kinder und Jugendliche“ bei ANAD e.V., einem Versorgungszentrum für Essstörungen in München. Sie ist Systemische Einzel-Paar- und Familientherapeutin auch in eigener Praxis. Hümfpner hält Vorträge über die Krankheit und berät Angehörige.

Anmeldung zum Live-Talk am 16. November 2023

Das 90-minütige Psychologie Heute live!-Event startet am 16. November 2023 um 19 Uhr auf der Plattform Zoom und richtet sich an alle Interessierten. Die Teilnahmegebühr beträgt 15 Euro. Bestellen Sie hier Ihr Ticket und stellen Sie Ihre Fragen gleich vorab. Auch während der Veranstaltung können Sie Ihre Fragen direkt in den Chat schreiben. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

Quellen:

DAK Kinder- und Jugendreport 2023. https://www.dak.de/dak/gesundheit/kinder--und-jugendreport-2023-2620982.html#/ Zuletzt aufgerufen am 7. November 2023

KKH Krankenkasse: Pressemeldung Essstörungen überraschend vor allem bei Männern um 20 Prozent angestiegen. 11.Mai 2022 https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/essstoerungen Zuletzt aufgerufen: 7. November 2023

KiGGS-Studie 2. Welle des Robert Koch-Instituts

https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/kiggs_2/Kiggs_2_node.html Zuletzt aufgerufen am 7. November 2023

Alexandra Dane, Komal Bhatia: The social media diet: A scoping review to investigate the association between social media, body image and eating disorders amongst young people. PLOS Glob Public Health 3(3): e0001091, 2023. https://doi.org/10.1371/journal.pgph.0001091 Zuletzt aufgerufen am 6. November 2023

Bundesgesundheitsblatt. Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Häufigkeiten und Risikofaktoren. Springer Medizin, 16.9.2019 https://www.springermedizin.de/essstoerungen/essstoerungen/essstoerungssymptome-bei-kindern-und-jugendlichen-haeufigkeiten-/17176248 Zuletzt aufgerufen am 7. November 2023

COPSY Längsschnitt-Studie der UKE Hamburg: https://www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/child-public-health/forschung/copsy-studie.html Zuletzt aufgerufen am 6. November 2023

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