Im Gehirn der Täter

Sind Verbrecher verantwortlich für ihre Taten? Neurowissenschaftler bezweifeln das und diskutieren den Einsatz hirnbiologischer Diagnosen vor Gericht.

Ein Mann mit glühender Zigarette trägt einen Boghart-Hut und einen Revolver
Psychologen und Hirnforscher debattieren den Einsatz hirnbiologischer Diagnosen vor Gericht. © Boris Zhitkov/Getty Images

Der Amerikaner Charles Whitman tötete bei einem Amoklauf 17 Menschen. Bis zu diesem Tag war er völlig unbescholten geblieben, allerdings hatte er einige Zeit zuvor ungekannte aggressive Impulse an sich bemerkt. Da er beim Schusswechsel mit der Polizei getötet wurde, konnten sich Forscher sein Gehirn genauer ansehen und entdeckten bei der Autopsie einen Tumor. Der wucherte an einer Struktur namens Amygdala, auch Mandelkern genannt, die an der Regulierung von Angst und Aggressivität beteiligt ist. Eine Störung in diesem wichtigen Zentrum kann massive Veränderungen des sozialen Verhaltens zur Folge haben. Whitmans „Kurzschluss“, seine plötzlichen und unbeherrschbaren Aggressionen waren damit erklärt.

Seither gab es immer wieder Fälle, bei denen eine Schädigung des Gehirns Neigungen zu Gewalt, Spielsucht, Diebstählen oder sogar Pädophilie auslöste. 2003 veröffentlichten die US-Neurologen Jeffrey Burns und Russell Swerdlow im Fachblatt Archives of Neurology den Fall eines ihrer Patienten. Der Lehrer zeigte plötzlich pädophile Neigungen. Bis dahin ein unauffälliger Familienvater, besuchte der 40-Jährige plötzlich kinderpornografische Seiten im Internet, sammelte entsprechendes Material und belästigte seine Stieftochter sexuell. Nachdem ein Rehabilitationsprogramm gegen seine Sexsucht erfolglos geblieben war, musste der Mann ins Gefängnis. Doch bald darauf klagte er über starke Kopfschmerzen und Gleichgewichtsprobleme. Kernspinaufnahmen seines Gehirns zeigten einen Tumor im Stirnhirn, einem Gebiet, das für die Impulskontrolle und rationales Urteilen zuständig ist. Nach Entfernung der Geschwulst verschwand die Pädophilie – so urplötzlich, wie sie gekommen war.

Tumore, aber auch Hirnverletzungen, seltene Formen von Demenz, ein aus dem Tritt geratener Hirnstoffwechsel und bestimmte Drogen oder Medikamente wie etwa Antidepressiva können gravierende Verhaltensveränderungen verursachen. Je mehr Hirnforscher über diese Zusammenhänge herausfinden, umso…

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