Erklären und Verstehen

Thomas Fuchs spricht als Inhaber der Karl-Jaspers-Professur für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie über die Entwicklung der Psychopathologie.

Karl Jaspers steht in einer Tür, hinter ihm eine große Bücherwand
1913 veröffentlichte Karl Jaspers die Allgemeine Psychopathologie © Imagno/Getty Images

PSYCHOLOGIE HEUTE Herr Professor Fuchs, lange bevor Karl Jaspers als Philosoph berühmt wurde, hat er die Allgemeine Psychopathologie geschrieben. Wie kam es dazu?

Thomas Fuchs Jaspers begann mit 26 Jahren als junger Assistenzarzt in Heidelberg in der Psychiatrie zu arbeiten, war aber aufgrund einer chronischen Lungenerkrankung von schwererer Arbeit und Nachtdiensten freigestellt. Er konnte weitgehend seinen wissenschaftlichen Interessen nachgehen, konnte viel lesen und schreiben. Seine Allgemeine Psychopathologie ist 1913 erschienen und bis heute eine Grundlage der Psychopathologie und damit der Psychiatrie geblieben. Sie beruht auf Jaspers’ umfassender Kenntnis der Literatur, auf seinen Erfahrungen mit Patienten und von der Methode her auf der Phänomenologie.

PH Was ist das Besondere an dieser Methode?

Fuchs Die Phänomenologie ist eine von Edmund Husserl begründete philosophische Richtung, die das subjektive Erleben und seine Grundstrukturen zu ihrem Gegenstand macht. Es geht darum, die bewusste Erfahrungswelt eines Kranken nachzuvollziehen: das, was er selbst schildert, was er in Worten, Gesten und im Verhalten ausdrückt, was er vielleicht auch schreibt oder malt. Diese Phänomenologie, das genaue Beschreiben der subjektiven Erscheinungsformen von psychischer Krankheit, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Ängsten und so weiter hat Jaspers in die Psychiatrie eingebracht.

PH Wie gingen denn andere Psychiater damals vor?

Fuchs Die Psychiatrie erlebte in der Zeit der Aufklärung ihre Geburt als medizinisches Fach, zunächst noch mit philosophischen und anthropologischen Ansätzen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sie sich dann wie die gesamte Medizin…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2014: Zufriedenheit
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