Eine Frage des Glaubens

Fußball ist weit mehr als ein Sport. Die Orte, an denen die Profis spielen, sind moderne Wallfahrtsorte. Über die Psychologie des Stadions.

Ein Fußball-Stadion mit vielen Menschen auf der Tribüne in der Abenddämmerung
Stadien sind damit bei weitem nicht nur Orte der Ausgelassenheit, sondern vielmehr Gebets- und Wallfahrtsorte. © Michael Regan/Getty Images

Die Welt, die sich allen öffnet, die ein professionelles Fußballspiel in einem Stadion besuchen, ist ein auf alle Sinne einstürmender Kontrast zum Alltag. Sobald man aus der Betonkonstruktion drumherum das Innere aus Tribüne und Spielfeld betritt, weitet sich der Raum und wird plötzlich dominiert von Menschen, kleinen Gruppen oder Familien auf der Suche nach ihren Plät­zen, Essen und Getränke jonglierend. In diesem Moment erscheint eine neue, helle und nach (Fan-)Farben geordnete Welt. Der Rasen leuchtet grün und riecht natürlich nach Wiese.

Der Geräuschpegel ist geprägt durch ein lautes Gewirr an Stimmen, während sich die Spieler ritualisiert aufwärmen und der Stadionsprecher Informationen zu den Mannschaften verkündet, auf die die Fans mit Gebrüll reagieren.

Nicht einsehbar sind die Katakomben mit dem Kabinentrakt, der „Bauch“ des Stadions, ein mystischer Ort und Schauplatz von Pressekonferenzen. Aus ihm heraus betreten die Spieler den Platz, was den Lärmpegel sofort in die Höhe schnellen lässt. Noch zeigen beide Mannschaften sich gemeinsam, ein respektvoller Einmarsch der Gladiatoren vor dem Kräftemessen.

Kommerzielles Hochglanzprodukt

Nimmt man die Zuschauenden vor dem Anpfiff noch als Individuen wahr, sind sie nach dem Kick-off nur noch Ku­lisse für das Geschehen auf dem Rasen. Aus der Vielfalt der Stimmen werden lautere eingeübte Gesänge und mitunter leidenschaftliches Schreien und Pfeifen. Gerahmt ist das Geschehen häufig von riesigen Bildschirmen, die Spielsequenzen vervielfachen und die visuellen Reize potenzieren. Hat das Spiel begonnen, wird es also gleichzeitig und paradoxerweise für die Anwesenden zusätzlich aus verschiedenen Perspektiven übertragen, wie in einem riesigen Wohnzimmer.

Vor vier Jahrzehnten, bevor es Privat- und Bezahlfernsehen gab und als das Spiel auf Topniveau noch kein hoch­kommerzialisiertes Hochglanzprodukt war, prägte die Atmosphäre im Stadion vor allem eine Geruchsmischung aus Urin, Bier, Bratwurst und Pyrotechnik. In den familienfreundlichen…

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Gesellschaft
Jetzt wird wieder gesungen in den Fankurven, bei der Fußball-EM in den Stadien Frankreichs. Was dort angestimmt wird und warum Fangesänge komplexer sind, als…
Beruf
Was bringt es, einen Trainer zu feuern? Was schützt ihn vor dem Burnout? Wie sieht eine gelungene Halbzeitansprache aus? Die wichtigsten Fakten.
Gesellschaft
Sportwetten können süchtig machen. Zugleich gelten für Wettanbieter laxe Regeln. Mit welchen Folgen erklärt der Suchtpsychologe Tobias Hayer.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2022: Die Zeit, als alles neu war
Psychologie Heute Compact 70: Was in schweren Zeiten hilft
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Leben
Die Persönlichkeitsstörung ist in aller Munde – überall lauern scheinbar selbstverliebte Egomanen. ► Doch wie tickt ein Narzisst wirklich?
Beruf
Viele Menschen fühlen sich erschöpft: zu viele Pflichten, zu viel Druck. Über den Zustand kurz vorm Burn-out – und wie wir uns daraus befreien.