Gemeinschaft: Ich und Wir

Zwei Bücher beschäftigen sich mit Zusammenhalt, Vertrauen und Anerkennung. Und mit der Frage, was ein neues Miteinander sein kann.

Bei Vertrauen geht man in emotionale Vorkasse. So die These des Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann. Der Einzelne geht in Vorleistung und damit Risiken ein: das Risiko, enttäuscht, verletzt, verbittert zu werden. Vertrauen ist somit eine Unsicherheitskategorie.

Vertrauen ist aber die zentrale Bedingung für Zusammenhalt. Darüber hat die Schweizer Psychologin Verena Kast, die an der Universität Zürich lehrte und Lehranalytikerin am C.-G.-Jung-Institut war, nun das Buch Vertrauen braucht Mut geschrieben.

„Vertrauen und Misstrauen gehen oft ineinander über. Beide minimieren Komplexität, und Vertrauen ist nicht immer besser als Misstrauen“, so Kast. Das Widerspiel von Vertrauen und Misstrauen, von Zugewandtheit und deren Gegenteil, das vielleicht am besten „entzauberte Naivität“ genannt werden kann, das ist das Kunststück innerer Balance. Ist das Stadium des Misstrauens erreicht, „werden wir nie herausfinden, ob wir eigentlich hätten vertrauen können, ob das Leben hätte besser sein können“.

Vertrauen erzeugt noch mehr Vertrauen

Der Wiener Psychologe Rudolf Dreikurs meinte schon Anfang der 1930er Jahre: „Wenn wir mehr Vertrauen in uns hätten, könnten wir uns auf unsere unbewussten Neigungen verlassen.“ Und auch Kast macht deutlich, dass Vertrauen eine direkte Verbindung zu Hoffnung hat – „Vertrauensurgrund“ ist ihre Wortprägung. Dieser steht im Gegensatz zum dynamischen Vertrauen im Alltag, das mal abnimmt und dann wieder anschwillt, das situativ ist, von Biorhythmus, Stimmungen und Tagesform beeinflusst wird: „Unsere Routinen, die von implizitem Vertrauen getragen sind, reduzieren viele unserer unbewussten Ängste.

Die Jungianerin Kast – die auf Märchen eingeht, auf Archetypen und auf Jungs Schattenkonzept – macht auch den Schritt vom Interpersonalen hin zum Gesellschaftlichen. Sie diagnostiziert destruktives Misstrauen, das zu Spaltung führt. Stehen sich doch oft zwei oder mehr Blöcke unversöhnlich – Kommunikation wie Zusammenhalt verweigernd – gegenüber.

Eine recht zentrale Einsicht wird fast en passant erwähnt: dass Vertrauen die Tendenz innewohnt, „mehr Vertrauen zu generieren“. Kast zitiert Luhmann, der 1968 in seiner sozialpsychologischen Monografie auf folgenden Umstand aufmerksam machte: „Es braucht Mechanismen, die verhindern, dass das Misstrauen überhandnimmt.“ Denn dieses wirkt dysfunktional und ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt schädlich bis destruktiv. Es untergräbt Verständigung, Kooperation und Ausgleich. Nur Vertrauen erzeugt Vertrauen.

Heitere Banalitäten bis Weltethos

Verena Kast schreibt durchweg gut verständlich. Zugleich macht dies nicht nur den Charakter klar, sondern auch die gelegentliche Oberflächlichkeit, das besonnene Schlendern über Gemeinplätze. Da liest man dann Sätze von heiterer Banalität wie diesen: „Gerade wenn in unserem Leben die Idee von helfendem Einanderbeistehen in einem lebensdienlichen Zusammenhang einen wichtigen Wert darstellt, muss das Thema der Abgrenzung und damit auch der Umgang mit dem Ärger in seiner Wichtigkeit erkannt und geübt werden.“

Am Ende biegt die Autorin, die das Feld von Verzeihen und produktivem Umkrempeln von Vertrauensbrüchen klar umreißt, zu einem Weltethos der Weltrettung ab, dem Vertrauen zugrunde liegt – worunter ausdrücklich nicht das Vertrauen auf altbewährte Marken in der Wirtschaft verstanden wird.

Das breite Feld der Gemeinschaft 

Dass die in den USA ausgebildete, seit 20 Jahren in Berlin lebende Psychoanalytikerin Jo Eckardt, die Bücher über Traumata, Trauer und Erinnerungsarbeit publizierte, weiter ausholt und mehr in die Tiefe gehen kann, liegt auf der Hand bei mehr als doppelt so großem Buchumfang wie Kast.

Lesepädagogisch überaus zugänglich ist ihr Band Das neue Miteinander. Eine Psychologie der solidarischen Gemeinschaft. Es finden sich grafische Elemente, unterlegte Kästen, Listen, Hervorhebungen. Ebenso eingängig ist die Darstellung gegliedert. Im Auftaktkapitel, in dem sie von Tiefenpsychologie über Spieltheorie bis Soziologie vieles abhandelt, kreist sie das Thema wissenschaftlich ein.

Darauf folgen Betrachtungen, die sich mit jenen von Verena Kast überschneiden: Eckardt schreibt über die Bedeutung von Gemeinschaft und Solidarität, über Umsetzung und Adaptionen in der Praxis, von Kindererziehung und Familien – über Scheidungskinder hat sie in der Vergangenheit einiges publiziert – zu Empathie, der Sinnfrage, einer aktiven Förderung des Gemeinschaftsgefühls bis zur Rolle des Staates. Instruktive kurze bis allerkürzeste Fallgeschichten von kleineren Kindern bis zu vom Leben gebeutelten Erwachsenen sind mit leichter Hand eingestreut.

Eckardts Räsonieren ist nicht immer ganz frei von gut gemeinten, gut abgehangenen Verallgemeinerungen („Wer andere beglückt, der tut nicht nur anderen etwas Gutes, sondern vor allem sich selbst!“). In vielen Punkten liefert das Buch aber eine solide Überblicksdarstellung über den derzeitigen Stand der psychologischen Forschung zu Vertrauen und das Verhältnis von Ich und Wir.

Jo Eckardt: Das neue Miteinander. Eine Psychologie der solidarischen Gemeinschaft. Fischer & Gann, Bielefeld 2022, 308 S., € 25,–

Verena Kast: Vertrauen braucht Mut. Was Zusammenhalt gibt. Patmos, Ostfildern 2022, 152 S., € 16,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2022: Lieber unperfekt
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