Emotional durchlässig

In bewegten Zeiten wie diesen sind wir dünnhäutiger als sonst. Wie grenzen wir uns von Gefühlsturbulenzen ab – und bleiben gerade dadurch zugewandt?​

Die Illustration zeigt eine sensible Frau in einem weißen Kleid umgeben von blauen Wolken, die sanft einen kleinen, roten Ball wirft
Von Wolken umgeben: In beunruhigenden Zeiten lassen wir Emotionen häufig näher an uns heran. © Francesco Ciccolella

Ein Virus breitet sich aus – und mit ihm eine Mischung aus Gefühlen. In solch einer Situation erleben wir noch deutlicher als sonst, wie sehr wir emotional eingebunden sind. Gesellschaftliche Stimmungen übertragen sich auf jeden Einzelnen von uns. Vor allem gegen Ängste gibt es keinen Impfstoff, auch wenn sie den einen weniger, den anderen mehr treffen.

So wie meine Freundin Marita. Als die Coronakrise im März immer mehr an Fahrt gewann, hat sie irgendwann aufgehört, überhaupt noch Nachrichten zu schauen. Sie konnte den nicht abreißenden Strom von schlechten Neuigkeiten einfach nicht mehr ertragen. Marita weiß, dass sie auf sich aufpassen muss: Die Anschläge vom 11. September 2001 hatten sie damals dermaßen erschüttert, dass sie völlig aus dem Gleichgewicht kam. Sie hatte so große Angst, dass sie kaum noch wusste, wovor sie sich eigentlich fürchtete. Sie ging nicht mehr in die Uni und zog sich schließlich komplett zurück. Die Krise gipfelte in einem Suizidversuch.

Marita ist natürlich ein Extremfall, aber sie ist nicht allein. Immer mehr Menschen fühlen sich überfordert von all den Krisen dieser Welt, schon lange vor Corona. In einer Erhebung des Reuters-Instituts der Universität Oxford gaben im vergangenen Jahr 32 Prozent der Befragten an, bewusst keine Nachrichten zu schauen – Tendenz steigend. Als Hauptgrund wurde der negative Effekt auf die eigene Stimmung genannt.

Das Mitfühlen von Stimmungen und Empfindungen um uns herum kann belastend sein, für Menschen wie Marita sogar bedrohlich. Neben schlechten Nachrichten zur Weltlage sind es vor allem die Gefühle uns nahestehender Menschen, die uns bewegen, die uns herunterziehen oder aufbauen. Gefühle sind...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Leben
Manche Menschen haben eine ganz besondere emotionale Ausstrahlung. Psychologen nennen das „affektive Präsenz“.
Leben
Ärger, Traurigkeit und schlechte Laune springen leicht von einem auf den anderen über. Warum ist das so – und wie können wir uns davor schützen?
Leben
Es löst Fluchtreflexe aus – und das Verlangen nach mehr. Über ein vielschichtiges Phänomen.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2020: Emotional durchlässig
Anzeige
print

Die Redaktion empfiehlt

Familie
Die Beziehung zur Mutter prägt den Sohn ein Leben lang, ob er will oder nicht.
Gesellschaft
Psychologische und psychotherapeutische Fachgesellschaften sehen Stimmungswandel im Umgang mit der Corona Krise
Leben
RESILIENZ: Resilienz ist eine Frage des Bewertungsstils. Krisen standzuhalten lässt sich lernen, erklärt der Forscher Raffael Kalisch in einem Buch.