Vier Vorzüge der Einzelgängerin

Psychologie nach Zahlen: Allein sein macht unglücklich? Nicht jeden! Vier Vorteile von Menschen, die ihre Zeit gern alleine verbringen.

Die Illustration zeigt eine junge Frau, die unter einem Laubbaum sitzt und einen Apfel isst und ein Weg führt hinunter in eine Ortschaft
Während andere Menschen soziale Kontakte knüpfen, genießt die Einzelgängerin ihre Ruhe mit sich selbst. © Till Hafenbrak für Psychologie Heute

Der Physiker Isaac Newton und die Malerin Georgia O’Keeffe hatten etwas gemein. Beide waren überzeugte Eremiten. „Sei ein Einzelgänger – das gibt dir Zeit, wichtige Fragen zu stellen und nach der Wahrheit zu suchen“, soll auch Albert Einstein gesagt haben.

Heute denken wir beim Stichwort Einzelgänger eher an abweisende Außenseiterinnen oder gar gefährliche Misanthropen. Doch solche Vorurteile werden Einzelgängerinnen und Einzelgängern keineswegs gerecht. Die mutmaßlichen Misanthropen sind laut Studien eher jene, die gegen ihren Willen allein sind. Sie wünschen sich insgeheim die Nähe ihrer Mitmenschen, finden aber keinen sozialen Anschluss.

Echte Einzelgängerinnen hingegen genießen ihre Zeit allein, sie sind erstaunlich zufrieden und führen ein erfülltes Leben. Erst seit kurzem widmen sich Forschende den positiven Eigenschaften von Menschen, die gern allein sind.

1. Unabhängig, aber nicht verschlossen

Entgegen dem Klischee sind Einzelgängerinnen und Einzelgänger mitnichten eigenbrötlerisch, angespannt und verschlossen. Im Gegenteil: Sie erwiesen sich in Studien als auffällig selten neurotisch. Außerdem sind Menschen, die gerne Zeit allein verbringen, nicht mehr oder weniger umgänglich als solche, die ein aktives, abwechslungsreiches Sozialleben führen. Ebenso wenig sind sie unterkühlte Charaktere.

Indirekt zeigte sich dies auch in einer experimentellen Studie: Die Teilnehmenden sollten sich an eine Situation in ihrer Vergangenheit erinnern, in der sie ein intensives Verlangen nach Alleinsein und Abstand von ihren Mitmenschen hatten. Diese Freiwilligen verwendeten in anschließenden Fragebögen mehr Beschreibungen und Ausdrücke, die mit Nähe und Intimität zu tun hatten, als die Kontrollpersonen – aber auch mehr Formulierungen rund um Unabhängigkeit und innere Stärke.

„Der experimentell induzierte Wunsch, allein zu sein, führte zu einer Zunahme von Selbstwirksamkeit – und legt nahe, dass Einzelgänger weder unerfüllte Sehnsucht nach Nähe haben, noch gefühlskalte Eremiten sind“, schlussfolgert die Sozialwissenschaftlerin Bella DePaulo, die sich auch der Erforschung von Einzelgängertum widmet.

2. Umgänglich und gewissenhaft

Die Sozialpsychologin Stephanie Spielmann und ihr Team haben überzeugte Singles unter die Lupe genommen. Dafür haben sie ein Inventar entwickelt, das die Angst vor dem Alleinsein misst. So fanden sie heraus: Menschen, die keine Angst vor einem Junggesellendasein haben, sondern es genießen, sind grundsätzlich umgänglicher als jene Menschen, die sich davor fürchten. Außerdem sind überzeugte Singles auch gewissenhafter als diejenigen, die Angst vor dem Alleinsein hegen.

„Was bislang fehlt, sind konkrete Erklärungen dafür, wieso es überzeugten Singles gutgeht“, stellt DePaulo fest. „Sozialwissenschaftler waren so sehr darauf bedacht, uns über die angeblichen Vorteile der Ehe und die Nachteile des Singlelebens aufzuklären, dass sie allzu oft versäumt haben, die Kosten des Ehelebens und die Vorteile des Singlelebens zu berücksichtigen.“

Überzeugte Junggesellen und Junggesellinnen haben hohe, aber gesunde Standards gegenüber potenziellen Partnern und Partnerinnen. Beispielsweise geben sie bei Speeddating-Veranstaltungen ihre Kontaktdaten an weniger Personen weiter, als dies andere tun. Und wenn Menschen, die allein leben, sich auf eine romantische Beziehung einlassen, diese dann aber als unbefriedigend empfinden, ziehen sie schneller den Schlussstrich als jene, die Angst vor dem Alleinsein haben.

3. Offen für Veränderungen

In einer anderen Studie verglichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Angaben von mehr als 1000 alleinstehenden Freiwilligen mit denen von mehr als 3000 verheirateten Frauen und Männern gleichen Alters. Im Vergleich zu den Eheleuten berichteten die Alleinstehenden deutlich häufiger, immer wieder persönliches Wachstum zu erfahren. Sie stimmten eher mit Aussagen überein wie etwa: „Für mich ist das Leben ein kontinuierlicher Prozess des Lernens, der Veränderung und des Wachstums“, oder: „Ich denke, es ist wichtig, neue Erfahrungen zu machen, die die eigene Meinung über sich selbst und die Welt infrage stellen.“

Ein ähnliches Bild zeichnet eine Studie mit mehr als 10000 australischen Frauen im Alter von Mitte siebzig. Dabei wurden lebenslang alleinstehende Frauen ohne Kinder mit vier anderen Frauengruppen verglichen: verheiratet mit Kindern, verheiratet ohne Kinder, früher verheiratet mit Kindern und früher verheiratet ohne Kinder. Die kinderlosen und überzeugten Junggesellinnen unterschieden sich in mehrfacher Hinsicht von allen anderen Altersgenossinnen:

Sie waren deutlich optimistischer und weniger gestresst. Außerdem verfügten sie über einen höheren Bildungsgrad und gaben eher an, dass sie mit ihrem Einkommen gut zurechtkämen. Diese Einzelgängerinnen berichteten darüber hinaus auch häufiger als die anderen Frauen, Mitglied in verschiedenen Vereinen und Gesellschaften zu sein sowie ehrenamtliche Dienste zu leisten – und sie fühlten sich verwirklicht.

4. Selbstreflektiert und resilient

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach einst von der „Fähigkeit, allein zu sein“. Sie ist laut dem amerikanischen Sozialwissenschaftler und Autor Matthew Bowker der Schlüssel dafür, dass Alleinsein selbststärkend wirkt. „Allein zu sein mündet rasch in innere Erkundung – und diese ist eine Art von Arbeit, die durchaus unangenehm werden kann“, so Bowker.

Denn die Selbsterkundung kann beispielsweise schmerzliche Erfahrungen, aufwühlende Erinnerungen sowie Gedanken an eigene Unzulänglichkeiten heraufbeschwören. Aber gerade durch die anhaltende Konfrontation mit sich selbst haben überzeugte Einzelgängerinnen und Einzelgänger eine gute Vorstellung von ihren Schwächen und Stärken. Deswegen können sie bedachter mit ihren Schwachpunkten umgehen – und ihre Fähigkeiten sowie Talente im Alltag bewusst nutzen.

„Sie können in wichtigen Situationen, etwa auf der Arbeit, durchsetzungsfähig agieren“, schreibt Bella DePaulo. Bei der stärkenden Selbstreflexion, die ihnen das Alleinsein ermöglicht, lernen diese Menschen wertvolle Bewältigungsstrategien kennen, die es ihnen leichter machen, selbst in schwierigen Alltagsmomenten zu bestehen.

Quelle

Bella DePaulo: Alone. The Badass Psychology of People Who Like Being Alone. CreateSpace Independent, Scotts Valley 2017

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2023: Woher weiß ich, wer du bist?
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