Warum hören so viele Menschen Heavy Metal?

Einst die Musik junger Außenseiter, hören heute über 10 Millionen Deutsche täglich Heavy Metal. Hartmut Rosa erklärt, worum es dabei wirklich geht.

Die Illustration zeigt Prof. Dr. Hartmut Rosa, den leitenden Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt
Hartmut Rosa lehrt allgemeine und ­theoretische Soziologie an der Universität in Jena. © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Herr Professor Rosa, viele Musikwissenschaftler und Nichtfans empfinden Heavy Metal als puren Lärm oder primitiven Krach. Was suchen und finden die mehr als 10 Millionen Deutschen, die gerne Heavy Metal hören, in dieser Musik?

Mit einem Wort: Sie finden Resonanz. Sie erfahren eine starke Kraft, die sie berührt und bewegt. Diese Berührung hat immer auch etwas Heftiges, Irritierendes und Unauslotbares, es ist rohe Energie. Die Entfremdungserfahrung der modernen Existenz wird in dieser Musik aufgenommen und in eine ästhetische Umarmung übersetzt. In einer berührungslosen Gesellschaft ist das viel.

Sie haben untersucht, wer Metal-Fan ist. Was haben Sie herausgefunden?

Metal stammt eindeutig aus der Arbeiterschicht, seine Wurzeln liegen in den Stahl- und Industriestandorten Detroits, Birminghams und des Ruhrgebiets. Es ist kein Zufall, dass Eisen und Stahl auch die Bandnamen und Albumtitel prägen. Man denke nur an Iron Maiden oder British Steel. Allerdings hören Menschen aus fast allen Schichten Heavy Metal – nach manchen Untersuchungen besonders oft auch hochbegabte Jugendliche. Die Musik galt lange Zeit als weiß und männlich geprägt, und das ist auch heute nicht ganz falsch, auch wenn sich ein Wandel zu größerer Vielfalt und vor allem auch globaler Ausbreitung zeigt. Darüber hinaus ist das Genre heute stärker in ländlichen Gebieten als in den urbanen Zentren zu Hause.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Heavy Metal den Hörenden eine Art „ontologische Sicherheit“ gibt. Was meinen Sie damit?

Auffällig ist, dass es in den Texten und Titeln, aber auch in den Albumcovern und Bühnenbildern häufig um die dunklen Seiten, die Schattenseiten des Lebens geht: um Krankheit, Einsamkeit, Tod, Verfall, Gewalt. Face your fears ist dabei ein wiederkehrendes Motiv: Die Härte und Kraft der Musik, aber auch die absolute Verlässlichkeit des rhythmischen Grundgerüsts aus Schlagzeug und Bass schaffen Sicherheit. Das ist eine Art psychoemotionales Grundvertrauen – der nächste Beat kommt so sicher wie der nächste Herzschlag –, das es erlaubt, den Abgründen unserer Welt furchtlos ins Antlitz zu schauen, die existenziellen Fragen einmal auszuhalten, vor denen wir ansonsten gerne davonlaufen. In den Liedern brüllen ununterbrochen die Monster, aber es singen immer auch die Engel, es geht um Verdammnis und Erlösung, um heaven and hell, ohne dass es dafür einer Theorie oder einer Theologie bedürfte.

Verraten Sie uns, welches Stück bei ­Ihnen persönlich zu einer „vertikalen, existenziellen Resonanzerfahrung“ führt?

Das ist eine sehr persönliche und intime Frage. Wenn ich nur ein Stück nehmen darf, wähle ich Believe von Savatage.

Prof. Dr. Hartmut Rosa lehrt allgemeine und ­theoretische Soziologie an der Universität in Jena. Er ist leitender Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt.

Hartmut Rosas Buch When Monsters Roar and Angels Sing. Eine kleine Soziologie des Heavy Metal. ist bei Kohlhammer erschienen (187 S., € 20,–)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2024: Im Erzählen finde ich mich selbst
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