Im Fokus: Die Schattenseiten des Home-Office

Kein Pendeln, flexible Arbeitszeiten: Arbeiten im Home-Office hat viele Vorteile. Doch was macht die mobile Arbeit mit uns und unserem sozialen Gefüge?

Ein Schwarzer Mann sitzt am Schreibtisch im Home-Office. Er trägt Kopfhörer und notiert etwas während eines digitalen Meetings.
Beim Arbeiten im Home-Office verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. Gleichzeitig bleibt bei digitalen Konferenzen weniger Zeit für informelle Gespräche im Team. © Morsa Images | Getty Images

Herr Dettmers, während der Corona-Pandemie musste ein Großteil der Bevölkerung gezwungenermaßen zu Hause arbeiten. Mittlerweile sind viele Menschen vom Home-Office begeistert. Gibt es denn auch Schattenseiten?

Sicherlich, genau genommen sind es zwei Problembereiche: Zum einen die Arbeitszeiten und die Entgrenzung, also: Wie stelle ich sicher, dass Ruhezeiten und Pausen eingehalten und klare Grenzen zwischen meiner Erwerbsarbeit und anderen Lebensbereichen gezogen werden? Das andere Risiko betrifft den sozialen Austausch.

Also der reduzierte Kontakt zu Kollegen und Kolleginnen?

Genau. Dieses Risiko zeigt sich in vielen Studien, auch in Untersuchungen, in denen Mitarbeitende vor der Einführung des Home-Office und dann später noch einmal befragt worden sind. In diesen Studien fallen die sozialen Ressourcen nach der Einführung des Home-Office deutlich ab. Mit sozialen Ressourcen bezeichnen wir in der Arbeitspsychologie die Möglichkeit, Feedback zu geben, aber auch die soziale Unterstützung durch Vorgesetzte und Kolleginnen.

Welche Bedeutung hat es für uns als Gesellschaft, wenn der Arbeitsplatz als Ort der Begegnung wegfällt? Werden wir alle Einzelgänger?

Es ist schwierig abzuschätzen, inwieweit das gesellschaftliche Auswirkungen hat, die über die Arbeit und die Prozesse in Unternehmen hinausgehen. Immerhin können wir fehlende soziale Kontakte am Arbeitsplatz normalerweise durch Familie oder Freunde kompensieren. Während der Höhepunkte der Corona-Pandemie war das allerdings nicht möglich. Da hat der Wegfall der Kontakte bei der Arbeit vermutlich stark durchgeschlagen.

In einer unserer Studien zeigte sich, dass besonders Alleinstehende unter der Home-Office-Pflicht litten. Sie hatten privat – wegen der Kontaktbeschränkungen – schon wenig Kontakte, und dann kam noch das Home-Office dazu. Bei dieser Gruppe war dann nach dem Ende der Lockdowns der Wunsch groß, wieder ins Büro zurückzukehren. Andererseits deuten neuere Studien an, dass im Hinblick auf soziale Ressourcen Home-Office nicht gleich Home-Office ist.

Inwiefern?

Es kommt auch auf die konkrete Gestaltung der Arbeit an, ob und wie stark sich die Arbeitenden isoliert fühlen. Das betrifft natürlich die Mischung von Home-Office und Präsenzarbeit, aber auch welche Medien bei der Arbeit zu Hause eingesetzt werden.

Die Palette reicht vom einfachen Einsatz von E-Mails und Messenger Diensten bis hin zu strukturierten Videokonferenzen, die einen sozialen Austausch schon möglich machen. Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft noch besser lernen, mit den neuen Formen der Zusammenarbeit zu leben und diese für uns sinnvoll zu gestalten. Am Ende sind wir soziale Wesen. Wir brauchen alle einen informellen und sozialen Austausch, nicht nur einen, der sich auf die beruflichen Aufgaben bezieht.

Welche Folgen hat der Wegfall von Präsenz für die Unternehmen?

Zum einen fehlen die kleineren, quasi unsichtbaren Wege, Informationen auszutauschen, also informelle Gespräche und Zweiergespräche. Manche Themen schaffen es nicht mehr auf die offizielle Agenda von Videokonferenzen, weil sie zum Beispiel nur wenige Personen betreffen oder als nicht so wichtig erachtet werden, um auf die Tagesordnung zu kommen.

Zum anderen sorgen sich die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber um das soziale Miteinander. Der Einstieg und die Integration neuer Mitarbeiterinnen ist eine große Herausforderung, genauso wie die bisherigen Mitarbeiter an die Firma zu binden. Denn Menschen fühlen sich der Firma nicht so stark verpflichtet, wenn das gemeinsame Erleben in Präsenz fehlt.

Gibt es Methoden, um das Miteinander im Büro zu ersetzen?

Bisher gibt es höchstens Versuche in diese Richtung. Plattformen für virtuelle Treffen sind stark von einer Tagesordnung getrieben. Hier ist eine strikte Moderation nötig, um ein Thema nach dem anderen abzuhandeln. Reden kann meist nur der, der gerade dran ist. Es gibt also wenig Möglichkeiten, sich auch mal zu informellen Dinge auszutauschen, höchstens vielleicht in privaten Chats. Vor einem solchen Meeting gibt es keinen oder wenig Platz zum Reden, danach auch nicht. Ein ungezwungener Austausch ist schlecht möglich, sowohl was arbeitsbezogene als auch nicht-arbeitsbezogene Themen betrifft.

Irgendwann wird es aber technische Lösungen geben, um das zu kompensieren. Auch organisatorisch werden da Wege sein, zum Beispiel was die Häufigkeit und den Wechsel von virtuellen und Präsenztreffen angeht. Mir selbst fällt es zum Beispiel schwer, mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wieder eine Routine herzustellen und den guten Austausch, den wir vor der Pandemie hatten, ohne dabei die gewonnene Flexibilität, die alle zu schätzen wissen, zu verlieren.

Stimmt es, dass viele Menschen arbeiten, auch wenn sie krank sind? Und dass das Home-Office den Trend noch einmal verstärkt hat?

Den sogenannten Präsentismus, also Arbeiten trotz Erkrankung, gab es auch schon vorher. Das Verhalten tritt auf, wenn Menschen mit der Arbeit überfordert sind und sich gleichzeitig stark mit den Arbeitszielen identifizieren. Dann tendieren Arbeitnehmerinnen dazu, ständig Überstunden zu machen oder sie arbeiten so intensiv, dass sie das auf Dauer nicht durchhalten können.

Bei Home-Office oder bei mobiler Arbeit verschwimmt die Schwelle zwischen Krankheit und Gesundheit noch mehr. Viele würden sich womöglich krankmelden, wenn sie zur Arbeit ins Büro fahren müssten. Zu Hause fühlen sie sich aber in der Lage, noch einige Aufgaben zu erledigen.

Welche Folgen hat das?

Präsentismus wirkt sich langfristig auf die einzelne Person sehr negativ aus, weil man sich nicht mehr richtig erholen kann. Allerdings befinden wir uns hier in einer Grauzone. Die Sachen bleiben vielleicht nicht so lange liegen, wenn ich mich mit den Kolleginnen kurz abstimme oder ihnen die Aufgaben übergebe. Das ist sicherlich vertretbar. Auf der anderen Seite führt eine solche Haltung zu der Erwartung von Vorgesetzten oder Mitarbeitenden, das zum Beispiel eine Übergabe auf jeden Fall passieren muss, selbst wenn ich mit hohem Fieber im Bett liege und eigentlich nichts tun kann.

Sie erwähnten die Gefahr, dass Arbeit und Privates sich mischen. Was können wir dagegen tun?

Zunächst muss man sagen, dass Entgrenzung schon vor der Pandemie ein großes Thema war. Die Linien zwischen Arbeit und Familie, Freizeit, Ehrenamt und so weiter werden dünner, mindestens seit es die neuen Technologien gibt, sprich Handy und mobiles Internet. Damit sind wir ständig erreichbar, wir können letztlich jeden Ort in einen Arbeitsplatz und jede Zeit in Arbeitszeit verwandeln. Das wird einerseits von Firmen und manchen Beschäftigten geschätzt, weil die Flexibilität sehr hoch ist, andererseits führt das eben zur Entgrenzung.

Das Problem ist, dass wir zur gleichen Zeit unterschiedliche Rollen bekleiden müssen. Einerseits sind wir Privatpersonen mit bestimmten Anforderungen, andererseits sehen wir uns den Herausforderungen aus dem Berufsleben ausgesetzt. Das schafft Konflikte. Beim Home-Office wird das Problem zusätzlich verstärkt. Es gibt ja keine physische Unterscheidung mehr zwischen Arbeits- und Lebensort. Wenn aber keine natürliche Trennlinie mehr vorhanden ist, muss man versuchen, eine künstliche Grenze zu schaffen.

Wie gelingt das?

Man sollte genau darauf achten, die Arbeitszeiten einzuhalten. Sie müssen nicht unbedingt zwischen neun und 17 Uhr sein. Sie sollten aber eine bestimmte zeitliche Form haben, an denen man sich genau orientiert. Auch die Firmen oder Behörden sind gefordert, denn Arbeitszeiten müssen dokumentiert werden. Aber der Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin muss auch für sich selbst Strategien finden, um sich erfolgreich abzugrenzen. Es gibt zum Beispiel sogenannte Boundary Management Trainings, die helfen können.

Dabei erfahre ich, wie ich gut für mich sorgen kann?

Sie lernen zum Beispiel, wie Sie den Übergang zwischen den verschiedenen Lebensbereichen gestalten. Das können Rituale sein, um den Arbeitsweg nach Hause zu ersetzen, den es ja nicht mehr gibt. Sie wechseln die Kleidung oder hören sich Ihr Lieblingslied an oder suchen sich etwas anderes, was eine besondere Bedeutung für Sie hat. Es geht darum, den Arbeitstag so zu gestalten, dass man ihn möglichst nicht mit unerledigten Aufgaben beendet, die einem noch im Kopf herumgeistern. Wir nennen das Arbeitsgestaltungskompetenz, das heißt die Arbeiten gut über den Tag zu verteilen zu können und zu wissen, wie viel ich mit normalem Tempo schaffe.

Das ist gar nicht so einfach zu lernen.

Nein, die Kompetenz, seine Arbeit zu gestalten, untersuchen wir gerade in unserer Arbeitsgruppe. Während der Pandemie war ja das Home-Office für die meisten völlig neu. Viele Beschäftigte haben da von der Fähigkeit profitiert, ihre Arbeit einteilen zu können. Gestalten können bedeutet, sich immer wieder anzuschauen: Wie arbeite ich eigentlich, wo kommt es immer wieder zu stressigen Situationen, gibt es Zeiten, in denen ich motiviert bin oder vielleicht sogar Spaß an der Arbeit habe? Welche Faktoren tragen zu diesen Situationen bei?

Dann muss ich gezielt versuchen, meine Arbeit neu zu gestalten oder zu verändern, aber auch Konsequenzen ziehen können. Wenn ich mir noch eine neue Aufgabe auflade, noch dieses oder jenes Gespräch führen will, um festzustellen, dass ich am Ende des Arbeitstages gar nicht fertig werde oder oft Überstunden mache und total erschöpft bin, brauche ich eine andere, eine entschlackte Agenda. Das muss gelingen, ohne dass mir jemand erklärt, was ich zu tun habe, sondern so, dass ich selbst den Rahmen finde, wie ich gut arbeiten kann. Notfalls muss ich der Vorgesetzten sagen, dass es so wie bisher nicht weitergeht und ich eine andere Aufteilung der Arbeit brauche.

Überfordert das nicht manche, sich immer wieder anzuschauen, was sie verbessern können?

Ja, in diesem Punkt unterscheiden sich Menschen stark. Einige sind sehr proaktiv und gucken gezielt, an welchen Stellen sie ihre Arbeit verbessern können. Nicht in dem Sinne: Wie kann ich noch leistungsfähiger werden, wie kann ich noch mehr schaffen? Sondern mit dem Ziel, dass die Arbeit für mich besser passt und ich nachhaltig motiviert bin und mich wohlfühle. Andere sind eher passiv und nehmen die Dinge als gegeben hin. Es finden sich aber viele Möglichkeiten, um aktiv etwas zu verändern.

Ich schreibe mir zum Beispiel zehn Minuten lang auf, wie mein Arbeitstag aussieht und überlege dann, ob ich etwas ändern muss.

Das ist eine mögliche Methode. Wir nennen dieses proaktive Gestalten auch Jobcrafting, auf Deutsch, sich den Job zurechtschnitzen. Es gibt Seminare, in denen das gefördert werden kann. Dabei lernt man, seine Arbeit zu analysieren und für sich Wege zu finden, um zum Beispiel die einzelnen Aufgaben, die Abläufe und den Austausch mit Kolleginnen noch besser auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden.

Im Home-Office unter Pandemiebedingungen war die Situation aber ein Stück komplexer. Hier musste ich mich zusätzlich noch mit meinem Partner, der Partnerin oder meinen Kindern einigen, um die Arbeit vernünftig erledigen zu können. Menschen, die große Schwierigkeiten haben, Arbeit und Privates zu trennen, wollen lieber in die Räume ihrer Firma zurückkehren. Überfordert ist man dann, wenn man zu Hause nicht die Bedingungen hat, die für ein Home-Office erforderlich sind. Das war ja das große Problem während der Pandemie und ist jetzt der Grund, warum Unternehmen nicht einfach die Präsenzarbeitsplätze abbauen können. Gerade in Großstädten haben die meisten Menschen kein extra Zimmer, dass sie als Arbeitszimmer nutzen könnten.

Man arbeitet in der Küche oder im Wohnzimmer oder sitzt in gekrümmter Haltung vor einem viel zu kleinen Bildschirm.

Genau. Nur im besten Fall gibt es ein eigenes Arbeitszimmer, einen vernünftigen Schreibtisch und einen guten Bürostuhl. Oft stehen aber nur der Sofatisch oder der Küchenstuhl und ein kleiner Laptop zur Verfügung. Die sind zum einen ergonomisch gesehen schädlich, zum anderen befinden sie sich in Räumen, in denen man sehr leicht abgelenkt wird. Solche Bedingungen erschweren die eigentliche Arbeit und bedeuten ständigen kognitiven Zusatzaufwand, weil man sich nach einer Ablenkung immer wieder neu in die Aufgabe denken muss. Wegen dieser Überforderung bauen viele Unternehmen das mobile Arbeiten wieder ab.

Ich kann ja den einzelnen Beschäftigten alle möglichen Tipps geben. Am Ende ist es doch der Arbeitgeber, der die Verantwortung hat, den Arbeitsplatz gesundheitsgerecht zu gestalten. Wenn die Wohnverhältnisse sehr beengt sind, ist Home-Office halt nicht möglich oder sollte nur in Ausnahmesituationen stattfinden.

Mischformen von Daheim-Arbeit und Präsenztagen im Büro sind mittlerweile üblich geworden. Wie wirkt sich diese neue Situation aus?

Aktuell wissen viele nicht, wie sie damit umgehen sollen. Die Führungskräfte sind verunsichert, weil sie nicht wissen, wie viel Präsenz sie einfordern können. Die Mitarbeiter haben ebenfalls ganz unterschiedliche Bedürfnisse, manche wünschen sich mehr Präsenz, andere sind sehr froh über die gewonnene Flexibilität.

Das ist aktuell ein Findungsprozess, bei dem man viele Faktoren berücksichtigen muss – wie den sozialen Zusammenhalt im Team oder herauszufinden, für welche Aufgaben Präsenz vor Ort günstiger ist und welche auch zu Hause erledigt werden können. Da wird in den nächsten ein bis zwei Jahren sicherlich noch viel ausprobiert werden.

Jan Dettmers ist Professor an der Fernuni Hagen und leitet dort das Lehrgebiet für Arbeits- und Organisationspsychologie.

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