Was ist die animalische Liebe?

Das romantische Liebesideal führt Paare oft aneinander vorbei. Um die Sackgasse zu verlassen, plädiert Wolfgang Schmidbauer für die animalische Liebe.

Die Illustration zeigt den Psychoanalytiker, Psychotherapeuten für Einzel- und Paartherapie und Autoren, Wolfgang Schmidbauer
Wolfgang Schmidbauer ist Psychotherapeut für Einzel- und Paarberatung und Autor zahlreicher Sachbücher. © Jan Rieckhoff für Psychologie Heute

Herr Dr. Schmidbauer, Sie setzen sich in Ihrem Buch kritisch mit dem romantischen Liebeskonzept auseinander. Warum führt das romantische Ideal Paare so häufig in die Sackgasse?

Weil das romantische Ideal, wenn es nicht durch die unentbehrliche romantische Ironie gebrochen wird, den liebevollen Alltag kaputtmachen kann: „Wenn du mich lieben würdest, würdest du nicht deine Klamotten so im Schlafzimmer verstreuen!“ „Wenn du mich wirklich lieben würdest, würdest du wegen solcher Kleinigkeiten nicht die Lust verlieren, Sex mit mir zu haben!“

Was verstehen Sie unter der „animalischen Liebe“, die Sie propagieren?

Romantische Ideale gedeihen am besten in Fernbeziehungen, während die animalische Liebe immer auch mit Körperkontakt zu tun hat. Tiere sind absolut gegenwartsbezogen; Menschen leiden oft unter ihren Erinnerungen, können Kränkungen nicht vergessen. Je mehr animalische Impulse ich zulassen kann, desto leichter fällt es mir, nach einem Streit den Vorschlag zu machen: „Vertragen wir uns wieder!“

Die Löwin vertreibt den Löwen mit Zahn und Kralle, wenn sie keine Lust auf ihn hat – aber das hindert beide nicht, sich einander wieder zu nähern. Narzisstische Liebesideale hingegen scheitern oft daran, dass unterschiedliche Bedürfnisse durch Rückzug verleugnet werden. Es gibt dann keinen Streit und keine Versöhnung, der Alltag funktioniert, die Liebe ist weg.

„Sich ganz dem Augenblick hingeben“, „nach Lust suchen“. Ist der animalische Modus mit seiner hedonistischen Orientierung einer langfristig angelegten Paarbeziehung tatsächlich zuträglich?

Aber natürlich! Langfristige Beziehungen sollen doch auch länger und mehr Freude machen als kurze, ich sehe keinen Gegensatz zwischen Hedonismus und Alltag. Weder die Moral noch die animalische Lust allein reichen aus, um das Unternehmen einer langfristig positiv erlebten Beziehung erfolgreich zu gestalten. Die Mischung macht es aus, die Fähigkeit, sich dem Augenblick hinzugeben und gleichzeitig auch langfristige Ziele zu verfolgen.

Was kann man sich unter „reifem Narzissmus“ vorstellen?

Im primitiven Narzissmus gibt es nur alles oder nichts. Ich suche das Richtige und gebe auf, sobald eine Erwartung nicht erfüllt wird. Das kann das Studium betreffen, den Arbeitsplatz, aber vor allem auch Freundschaft und Liebe. Beim ersten Konflikt wird Schluss gemacht. Man kann darin etwas wie ein spezifisch menschliches Verhängnis sehen, das mit der Sprache und der Möglichkeit zusammenhängt, Werturteile zu fixieren, sie gnadenlos zu machen.

Tieren ist das fremd – der Löwe oben kam zum falschen Zeitpunkt, aber er bleibt der richtige Löwe. Im reifen Narzissmus verlieren wir das Gute an unserem Gegenüber nicht, wenn es unsere Erwartung enttäuscht.

Wie können Paare einen neuen Zugang zu der animalischen Ebene ihrer Beziehung finden?

Das ist ganz einfach. Sie müssen nur aufhören, etwas dagegen zu tun, aufhören, ihre Wünsche nach Nähe, Zärtlichkeit und Erotik zu unterdrücken, weil sie sich schämen oder an einer Kränkung festhalten. Ich schätze den Begriff des Animalischen, weil uns die Probe-Identifizierung mit Tieren einen riesigen Speicher an Realitätsbezug zugänglich macht.

Stellen Sie sich vor, Ihr Hund würde Sie nicht mehr begrüßen und mit Ihnen losziehen wollen, nur weil Sie neulich seine Erwartungen enttäuscht haben!

Wolfgang Schmidbauer, Dr. phil., ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut für Einzel- und Paartherapie und Autor zahlreicher Sachbücher.

Wolfgang Schmidbauers Buch Animalische und narzisstische Liebe. Zur Paaranalyse der romantischen Bindung ist bei Klett-Cotta erschienen (168 S., € 25,–)

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