Unser Kind, das fremde Wesen

Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Kind ganz anders ist? Andrew Solomon hat betroffene Familien untersucht – und kommt zu bewegenden Erkenntnissen.

Eine Mutter hält lächelnd ihr fröhliches Kind im Arm, dass das Downsyndrom hat
Wie gehen Eltern damit um, wenn ihr Kind zum Beispiel das Downsyndrom hat? © Maskot/Getty Images

Als Sam geboren wird, nehmen die Ärzte zunächst an, das Mädchen sei aufgrund des verfrühten Geburtstermins so klein. Doch einen Monat später steht die Diagnose fest: Achondroplasie, eine Form von Minderwuchs. Die Eltern sind am Boden zerstört. Selbst ein taubes oder blindes Kind hätten sie lieber gehabt, erinnert sich die Mutter Mary Boggs später: „Alles wäre besser gewesen als Kleinwuchs. Wir fragten uns, warum wir überhaupt noch ein weiteres Kind bekommen hatten.“ Aber bei Mary und ihrem Mann tritt bald eine Wandlung ein. Sie passen das Haus an die Bedürfnisse ihrer Tochter an. Sie bekommen Übung darin, mit den neugierigen Blicken und Fragen von Fremden umzugehen, und bereiten Sam auf die Hänseleien vor, die sie im Kindergarten erwarten. Als das Mädchen fünf ist, nimmt die Familie erstmals an einem nationalen Treffen kleinwüchsiger Menschen teil. Später animieren sie auch Großeltern, Verwandte und Freunde, mit zu diesen Treffen zu kommen. Sie fahren für Sam hin, aber auch damit sich die Familie mit Sams Welt vertraut machen kann; „um es uns leichter zu machen, sie auf die richtige Art zu lieben“. Als die Tochter im Teenageralter ist und ihre ersten Romanzen erlebt, hat die Mutter längst alle Vorbehalte abgelegt. Was Sams Zukunft angeht, ist sie optimistisch. Sie freut sich darauf, irgendwann Großmutter zu werden. Sie werde wahrscheinlich einen kleinwüchsigen Schwiegersohn und kleinwüchsige Enkelkinder haben, vermutet sie. Und das sei eine feine Sache.

Die Boggs aus Washington sind eine der zahlreichen Familien, die der amerikanische Autor Andrew Solomon in seinem Buch Weit vom Stamm (S. Fischer 2013) porträtiert. Es sind durchweg Familien, in denen die Kinder ganz anders sind als ihre Eltern. Dabei ist „ganz anders“ weit definiert. Von…

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Artikel zum Thema
Gesellschaft
Sein Konzept der erlernten Hilflosigkeit machte ihn berühmt. Dann wechselte er die Perspektive – und begründete die positive Psychologie: Martin Seligman.
Familie
Väter sind die ersten Männer im Leben von Frauen und damit prägend. Manche hadern lebenslang mit ihrem Vater. Welche Spuren hinterlassen Väter?
Familie
Die Beziehung zur Mutter prägt den Sohn ein Leben lang, ob er will oder nicht.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2013: Versteh mich doch!
Psychologie Heute Compact 69: Klug durchs Leben
print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Leben
Die Persönlichkeitsstörung ist in aller Munde – überall lauern scheinbar selbstverliebte Egomanen. ► Doch wie tickt ein Narzisst wirklich?
Beruf
Viele Menschen fühlen sich erschöpft: zu viele Pflichten, zu viel Druck. Über den Zustand kurz vorm Burn-out – und wie wir uns daraus befreien.