Was sehen Sie hier, Katharina Franck?

Ein Bild, Zwei Fragen: Der musikalische Junge. Diesmal hat Katharina Franck von der Band Rainbirds für uns das Bild mit einer Geschichte umrahmt.

Die Illustration zeigt ein Kind, dass mit einer Geige vor einem Buch sitzt, die Hände auf den Kopf gestützt
Das musikalische Kind scheint erschöpft. Geige und Buch bleiben unberührt auf dem Tisch. © Andrea Ventura für Psychologie Heute

„Die Tante betrachtete das Bild sehr lange. Für einen Moment schien sie ihren Körper verlassen zu haben, um mit ihren Gedanken allein spazieren zu gehen. Sie kam zurück, schaute vom Bild auf und sagte: ‚Das Kind ist ein Künstler. Man hat ihm eine Violine in die Hand gedrückt, als es vier war, damit es nicht nur mit der Musik aufwächst, die es umgibt, sondern sie gleich auch spielerisch in sich aufnimmt. Das hat es gemacht. Aber Künstler sind nun einmal eigensinnig und manche haben die Tendenz, sich selbst im Weg zu stehen.‘

Das Kind hatte einen zwölfstündigen Flug hinter sich, in Begleitung einer ihm wildfremden Person, mir, die von den Eltern angeheuert worden war, um es sicher von Rio de Janeiro via Hamburg nach Bremen zur Tante zu bringen. Es hatte während des langen Fluges kaum geschlafen, war erkältet und fühlte sich bei seiner Gastgeberin ganz offenbar alles andere als zu Hause. Jetzt saß es am späten Nachmittag am Esszimmertisch mit all den Leuten, die die Tante ‚zu einem kleinen Empfang zu Ehren meines begabten Neffen aus Brasilien‘ eingeladen hatte, und schien zu schmollen.

Ich folgte dem Kind in sein Zimmer, wo wir seine Sachen aus dem kleinen Koffer schweigend x-mal aus- und wieder einpackten. Ich schrieb meine Mobilnummer auf einen Zettel, den ich in die Geigentasche steckte. ‚Falls dir alles zu viel wird‘, sagte ich leise. ‚Ruf an. Ich komme, wenn du es möchtest.‘ Schließlich nahm das Kind seinen Schlafanzug, die Zahnbürste und ein paar dicke Socken, schob den Koffer unter das Bett und suchte das Bad.“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Zum einen: Ich habe erst sehr spät angefangen, mich mit der Bezeichnung ‚Künstlerin‘ anzufreunden, da es zu bedeuten schien, dass ich kompliziert und auf ungehörige Art und Weise anspruchsvoll war. Und dass ich nicht wirklich ernst genommen werden musste. Zum anderen: Verbündete findet man oft da, wo man sie nicht erwartet.“

Katharina Franck ist Sängerin, Songwriterin und Autorin ge­sprochener Popsongs. Sie lebt in der Nähe von Neuruppin, ­feiert derzeit das 35. Jubiläum des Debütalbums ihrer Band Rainbirds und alles, was seitdem von und mit ihr erschienen ist.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2024: Die schönste Zeit: Alleinsein
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