Wohliger Grusel

Psychologie nach Zahlen: Fünf erstaunliche Gründe, warum Horrorfilme auf ihre Fans gerade in der Pandemie beruhigend wirken.

Die Illustration zeigt eine Frau mit einer Mund-Nasen-Maske, hinter ihr vier Personen mit verschiedenen Horror-Kostümen aus Filmen.
Scream, Saw, Schweigen der Lämmer: Horrorfilme sind zum Gruseln, aber können auch als Ablenkung vor einem realen Schrecken wie der Coronapandemie dienen. © Till Hafenbrak für Psychologie Heute

Aus dem dunklen Kellergewölbe dringt ein schauriges Geräusch. Die Protagonistin lauscht. Das Geräusch wird lauter und durchdringender. Das Publikum erstarrt und hält den Atem an. Horrorfilme erfreuen sich großer Beliebtheit, und in der Pandemie zog das Genre auf Streamingportalen wie Netflix sogar ein größeres Publikum an als je zuvor. So wurde beispielsweise Contagion, ein längst erschienener Seuchenfilm aus dem Jahr 2011, zu Beginn der Covid-Ära zu einem der meistgesehenen Angebote auf Netflix.

Aber warum flüchteten Menschen ausgerechnet in einer Zeit, in der die Welt von realem Schrecken heimgesucht wurde, in eine Alternativwelt voller fiktiver Schrecken? Irgendwie scheint es ihnen geholfen zu haben, denn die Forschung stellte fest: Fans des Schaudergenres begegneten der realen Coronapandemie mit stärkerer Resilienz als andere Menschen. Woran könnte das liegen? Und worin besteht überhaupt der Reiz des Gruselns?

1. Angstkontrolle

Laut einer Forschungsgruppe um Gideon Nave (University of Pennsylvania) sind Horrorfans generell keineswegs dickfelliger, sondern sogar etwas neurotischer und ängstlicher als ihre Mitmenschen. Vielleicht lieben sie gerade deshalb den Nervenkitzel von Horrorfilmen: weil sie ihn steuern können.

Ob sie wegsehen, das Licht an- oder ausmachen, den Ton ausschalten oder den Film gemeinsam mit Freundinnen und Familie schauen: Die vielen Möglichkeiten, die beängstigende Erfahrung jederzeit hoch- oder herunterzuregulieren, bieten gerade ängstlicheren Menschen das Gefühl von Kontrolle. Während im Pandemiealltag alle oftmals Kontrollverlust und Hilflosigkeit erlebten, konnten Horrorfans beim kon­trollierten Gruseln den wohltuenden Eindruck wahren, selbst inmitten der Apokalypse auf dem Bildschirm stets die Oberhand zu behalten.

2. Überlebenstraining

Der Forscher Mathias Clasen von der Aarhus Universitet er­klärt die Beliebtheit von Horrorstreifen mit evolutionspsychologischen Ansätzen. „Der Appetit auf Horror ist ein Anpassungsmechanismus, der dazu dient, Zuschauerinnen und Zuschauern Erfahrungen mit negativen Umständen und negativen Emotionen in einer Intensität zu ermöglichen, die im wirklichen Leben nicht sicher zu erreichen wäre“, schreibt Clasen. Ihm zufolge lernen Horrorfans durch die Schauerfilme, wie es sich anfühlt, inmitten von Katastrophen zu überleben, mit feindlichen Artgenossen zurechtzukommen und andere Schreckensszenarien zu meistern. So wird die filmische Endzeit zu einem Übungsfeld.

Aus der evolutionspsychologischen Perspektive könnte das Schauen von Horrorfilmen also sinnvoll sein, weil es Überlebenslektionen und eine Überlebensmentalität fördert. Dass die Nachfrage nach solchen Survivallektionen gerade in Zeiten der Pandemie stieg, spiegelte den Ernst der Situation und die Verunsicherung der Menschen wider.

3. Spiel für Erwachsene

Angst und Vergnügen koexistieren im Freizeithorror auf eine ganz besondere Weise, schreiben For­schende um Marc Malmdorf Andersen, der ebenfalls an der Universität Aarhus lehrt. Sie glauben, dass das Schauen von Horrorfilmen eine Form des Spiels für Erwachsene ist. So beobachteten sie bei ihren Freiwilligen etwa eine zwar erhöhte, aber nicht gefährlich gestiegene Herzfrequenz während der schaurigen Unterhaltung. „Ähnlich einem Kind, das mit spannungsgeladener Freude darauf reagiert, dass es von einer Betreuungsperson spielerisch gejagt wird, lässt sich der Zuschauer oder die Zuschauerin eines Horrorfilms spielerisch auf eine Form der Bedrohungssimulation ein“, so die Forschenden.

Wie beim Spielen ist auch das Schauen von Gruselstreifen mit einem Maß an Unsicherheit, Neugierde und Überraschung ­verbunden, das in positiven Gefühlen mündet. Auch die Freiwilligen selbst gaben an, dass Formen der angsttreibenden Unterhaltung – darunter Horrorfilme oder Besuche in einem „Spukhaus“ – ein Spiel seien. So gesehen könnte der Horror auf dem Bildschirm eine spielerische Ablenkung von dem Ernst der Coronapandemie gewesen sein.

4. Frei von Erwartungen

In der realen Welt gibt kaum jemand gerne zu, dass sie oder er Angst empfindet oder unsicher ist. Denn in bestimmten Situationen – etwa auf der Arbeit – kann eine solche Aufrichtigkeit gar ernsthafte Probleme nach sich ziehen. Ganz anders ist es beim Genuss von Horrorfilmen. Da sind unkontrollierte Ausdrücke von Schrecken wie etwa ein Aufschrei oder ein Zusammenzucken nichts Ungewöhnliches – und werden sogar in der Gegenwart anderer wie ­etwa im Kino in gewissen Grenzen als normal und akzeptabel wahrgenommen.

Das Grauen auf der Leinwand erlaubt Erwachsenen, Emotionen nicht nur ungefiltert zu erleben, sondern sie auch auszudrücken. Das kann ein positives und stark befreiendes Erlebnis sein, das im Alltag anderswo nicht möglich ist. Im Heimkino in der Pandemie konnten etwa Mama und Papa, die vor den Kindern sonst eher gefasst und stark wirken wollten, einmal loslassen und sich ungehemmt fürchten.

5. Morbide Neugier

Wie schon erwähnt: Im Vergleich zu ihren Mitmenschen waren Horrorfans zumindest während der ersten Phase der Coronapandemie psychisch widerstandsfähiger. Darauf deutet eine Studie hin, die Forschende um Coltan Scrivner (University of Chicago) im Jahr 2020 unternahmen. Die Horrorfans „fühlten sich weniger ängstlich und gereizt als andere“, berichtet Scrivner. So konnten sie beispielsweise besser schlafen und wiesen weniger depressive Symptome auf.

Unter den Fans des Schaudergenres identifizierte Scrivners Team auch Personen mit sogenannter morbider Neugier – einer Persönlichkeitseigenschaft, die bereits früher mit dem Interesse an Horrorfilmen in Verbindung gebracht wurde. Morbid-neugierige Menschen hegen ein überdurchschnittliches Interesse an unangenehmen Dingen wie etwa Verbrechen und halten die Welt generell für gefährlicher als das Gros.

Gerade sie fühlten sich während des Lockdowns beim Filmgruseln gestärkt. Die morbid-neugierigen Freiwilligen schnitten in den Fragebögen zur Resilienz am höchsten ab, ungeachtet ihres Alters und ihres Geschlechts. Offenbar half ihnen die Faszination für den irrealen Schrecken, den realen auszublenden.

Zum Weiterlesen:

Mathias Clasen: Why Horror Seduces. Oxford University Press, New York 2017

Coltan Scrivner u.a.: Pandemic Practice: Horror Fans and Morbidly Curious Individuals Are More Psychologically Resilient During the COVID-19 Pandemic. Personality and Individual Differences, 168, 2021, 110397

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2022: Lieber unperfekt
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