Was sehen Sie hier, Ahmad Mansour?

Ein Bahnwaggon, zwei Männer, eine Frau. Was besagen die Blicke? Psychologe und Autor Ahmad Mansour deutet die Szene.

Die Illustration zeigt zwei Personen, die in einer Straßenbahn sitzen, und eine Frau, die steht und sich an der Stange festhält
Drei einsame Personen fahren mit dem Zug. Sie haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, dennoch liegt viel Unausgesprochenes zwischen ihnen. © Andrea Ventura für Psychologie Heute

„Drei einsame Personen in einem Bahn­waggon, nachts auf dem Weg nach Hause. Amadou und Metin sind regelmäßige Fahrgäste, es ist ihr täglicher Arbeitsweg. Sie kennen die Melancholie der täglichen Fahrt. Christina, die ein Stück entfernt mit ihren Einkaufstüten steht, erregt ihre Aufmerksamkeit.

Sie beobachten sie und fragen sich, ob sie ihr einen Sitzplatz anbieten sollen. Ob daraus eine Freundschaft, vielleicht sogar eine Liebesbeziehung entstehen könnte? Vielleicht ist Christina genau die Frau, nach der sie seit Jahren suchen. Aber sie trauen sich nicht, weil Christina ihnen demonstrativ den Rücken zukehrt und damit jede Kontaktaufnahme verhindert.

Christina fühlt sich unwohl. Sie spürt die Blicke der beiden Männer und bereitet sich innerlich darauf vor, mögliche Gespräche zu blocken. Sie fährt erst seit kurzem mit der Bahn. Das Auto kann sie sich nicht mehr leisten. Sie will aber nicht darüber nachdenken. Christina fühlt sich überfordert, die fremden Menschen, Gerüche, Geräusche machen ihr Angst. Sie gehört hier nicht dazu. Christina hofft, einfach nur schnell anzukommen, um der Situation und den traurigen Gedanken entfliehen zu können.“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Als ich vor 18 Jahren nach Deutschland kam, erlebte ich öfter solche Situationen. Ich war Beobachter, versuchte die Menschen hier zu verstehen. Warum reden sie nicht miteinander? Ich kenne andere Bahnfahrten aus Israel, da entstehen innerhalb von Sekunden Gespräche.

Auf den Bahnfahrten in Berlin machte mich die Einsamkeit vieler Menschen, aber auch meine eigene traurig. Manchmal habe ich mich in Fantasien verloren, angesprochen zu werden, vielleicht eine deutsche Freundin zu finden, die mich liebt und mir Deutschland erklärt. Doch meine Blicke lösten bei vielen Unbehagen aus. Sie drehten sich dann um oder setzten sich weg. Es sind nicht nur unsere Blicke, die sich begegnen, sondern auch unsere Vorurteile.“

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2023: Alles fühlen, was da ist
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