Warum werben Sie für die Regulierung der nichtinvasiven Hirn­stimulation?

Strahlen ins Gehirn gegen psychische Erkrankungen? Nichtinvasive Hirnstimulation ist eine tolle ergänzende Therapieoption und harmlos, so Moritz Maier.

Wie funktioniert die nichtinvasive Hirnstimulation?

Hauptsächlich zwei Verfahren werden schon lange erforscht und für Behandlungen genutzt: Entweder wird mit elektrischen oder magnetischen Impulsen gearbeitet. Über Elektroden oder Magnetspulen werden die Impulse in bestimmte Gehirnareale gebracht. Dadurch wird die Hirnaktivität – je nach Behandlungsziel – entweder stimuliert oder auch gehemmt. Es wird also die Signalverarbeitung des Gehirns in die eine oder andere Richtung beeinflusst. Das ist die basale Idee. So gesehen wirken die elektrischen oder magnetischen Wellen sehr zielgerichtet auf das Gehirn ein. Eine Veränderung der Hirnaktivität lässt sich auch nach „klassischen Behandlungen“ mit Psychotherapie oder Psychopharmaka nachweisen.

Die Behandlungen dauern in der Regel einige Wochen und erfolgen auf der Grundlage sogenannter Stimulationsprotokolle, in denen Frequenz und Intensität festgelegt sind. Es wird davon ausgegangen, dass die Effekte längerfristig sind, beispielsweise wurden in einer Studie ein Jahr nach Behandlungsabschluss immer noch signifikante Symptomverbesserungen festgestellt.

Sie fordern in einem Whitepaper, dass die Behandlung psychischer Erkrankungen mit nichtinvasiver Hirnstimulation in der EU reguliert werden soll. Warum?

Diese Methoden, die schon seit Jahren erforscht werden, bieten zusätzliche Optionen für die Behandlung von Depressionen, aber auch von anderen Erkrankungen wie Schizophrenie oder chronischen Schmerzen. Damit können wir Lücken füllen, etwa wenn Patientinnen und Patienten unter starken Nebenwirkungen von Psychopharmaka leiden oder auch wenn sie zu große Hemmungen haben, eine Psychotherapie zu machen.

In den USA wird nichtinvasive Hirnstimulation schon lange viel breiter eingesetzt als hierzulande, wo die Methode bislang nur selten und nur selbstzahlenden Patientinnen und Patienten verschrieben wird. Das Whitepaper stellt daher einen Fahrplan dar, wie Patientinnen und Patienten, die von den Methoden profitieren könnten, Zugang dazu erhalten und gleichzeitig der unregulierte Zugang zu den Geräten im nichtmedizinischen Bereich unterbunden werden kann.

Sie bezeichnen die Erstellung des Whitepapers als „partizipativ“. Wie ist das gemeint?

Wir haben für die Erarbeitung von Beginn an unterschiedliche Gruppen mit eingebunden, beispielsweise Patientinnen, Forschende aus anderen Disziplinen wie Ethik, Philosophie oder Medizinrecht, Vertreter aus Industrie und Regulierungsbehörden, Heimanwenderinnen und Behandlungspersonal. Dadurch konnten wir das Thema umfassend betrachten und ganz verschiedene Aspekte in die Empfehlungen einfließen lassen.

Vielen gruselt bei der Vorstellung, elektrische oder magnetische Energie ins Gehirn einzubringen.

Ja, es gibt Ängste, dass das Gehirn manipuliert wird wie in einem Science-Fiction-Film. Es gibt teilweise auch Verwechslungen mit anderen Behandlungsmethoden wie der Elek­trokrampftherapie, wo mit starken Stromstößen gearbeitet wird, die unter Vollnarkose geschehen muss. Damit hat nicht­invasive Hirnstimulation jedoch nichts zu tun.

Letztlich geht es um nebenwirkungsarme Behandlungsmethoden, die sehr zielgerichtet Menschen mit psychischen oder neuronalen Erkrankungen helfen können – mögliche Ängste und Vorbehalte sollten vor jeder Behandlung individuell besprochen werden.

Moritz Julian Maier ist Psychologe und Neurowissenschaftler und arbeitet als ­Senior Researcher am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Berlin.

Quelle

Moritz Julian Maier u.a.: STIMCODE – Participative developed recommendations for non-invasive brain stimulation in the European Union. Fraunhofer-Publica 2023. DOI: 10.24406/publica-1569

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