Pilgern geht auch ohne Glauben

Immer mehr Menschen pilgern. Allerdings meistens nicht aus religiösen Gründen. Was erhoffen sich die Pilger ohne Glauben von ihrer Wallfahrt?

Die stilisierte Jakobsmuschel zeigt auf einem Wegweiser aus Stein auch den Nichtgläubigen den Weg zum Ziel
Der kleine Ort in Nordspanien wurde wegen des Apostelgrabes im frühen Mittelalter neben Rom und Jerusalem zum wichtigsten Wallfahrtsort für Christen. © LAMBERTO JESUS/Getty Images

Pilgerreisen sind wohl so alt wie der Glaube an höhere Mächte. Und wer es nicht besser weiß, hat ein sehr altes Bild vor Augen, wenn er an einen Pilger denkt: eine ärmlich gekleidete, vom Staub der Straße bedeckte, ausgemergelte Gestalt, in der Hand einen Stab, die Schuhe ausgetreten, auf dem Kopf ein alter Hut. Der Gläubige ernährt sich auf dem langen Fußweg zum Wallfahrtsort von Wasser und milden Gaben, genächtigt wird, wo er Obdach findet. Mühsal und ein asketisches Leben während der Reise nimmt er auf sich, befolgt dabei die Vorschriften seiner Religion. Der Anlass dieses mühseligen Gangs: Der Pilger will auf diese Weise Buße tun, ein Gelübde erfüllen oder einen Sündenablass erbitten; oder er erhofft sich die Heilung von einer Krankheit oder die Erfüllung eines Gebetes. Möglich ist auch, dass der Mensch im Pilgern seinen Glauben vertiefen oder einer heiligen Macht danken möchte.

Der Begriff Pilger kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „der Fremde“ (lat.: peregrinus). Man meinte damit ursprünglich jemanden, der sich außerhalb des Römischen Reiches befand. Pilgern bedeutet, „für religiöse Zwecke in die Fremde ziehen“, beschreibt es der Religionspsychologe Sebastian Murken. Die Ziele der Wanderungen sind vielfältig und hängen vom jeweiligen Glauben ab: Muslime sollen sich einmal im Leben nach Mekka begeben, Christen ins Heilige Land reisen, für tibetische Buddhisten stellt der Berg Kailash das Pilgerziel dar.

Das Wandern zu einem Wallfahrtsort ist seit der Antike überliefert. Das Erscheinungsbild der Pilger hat sich inzwischen stark gewandelt: Heutige Pilger sind nicht in Sackleinen, sondern eher in moderne Outdoorkleidung gewandet, viele tragen gute Wanderschuhe oder Trekkingsandalen. Statt des…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2014: Konzentration
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