Der lebende Vorwurf

Therapiestunde: Ihr fehlen Nähe und Zärtlichkeit, er fühlt sich permanent kritisiert.

Ein Mann und eine Frau sitzen angelehnt an einem Sackgasse-Verkehrsschild auf dem Boden und schauen sich dabei böse an
Ein Paar hat sich in die Sackgasse manövriert. © Michel Streich

Ein Paar kommt in die Beratung, beide Mitte vierzig, sie haben zwei Kinder in der Pubertät. Eine zierliche Frau mit dunklen Locken, in Jeans und Pullover, und ein großer, breitschultriger Mann in einem förmlichen dunkelblauen Anzug. Sie sind von einer Kollegin überwiesen worden. Die 14-jährige Tochter hat neulich gesagt, es sei unerträglich, wie viel die Eltern streiten. Das hat den Ausschlag gegeben, sich über eine Paartherapie zu informieren. „Wir haben einige Probleme“, sagt der Mann, „aber wir wollen zusammenbleiben, das ist klar.“ „Eigentlich liebe ich meinen Mann“, sagt die Frau. „Wir können uns aufeinander verlassen, haben ähnliche Einstellungen zu den Kindern, vieles klappt gut.“

„Ich sehe das ähnlich“, sagt der Mann, „aber ich brauche einfach mehr Ruhe. Ich halte diese Familie manchmal nicht mehr aus, vielleicht liegt es am Alter, ich bin viel geräuschempfindlicher als früher. Ich will mich nicht streiten, ich muss mich aber wehren. Wenn ich mich anstrenge, und das tue ich jeden Arbeitstag neun Stunden lang, dann will ich auch Erfolg sehen. Und in der Arbeit klappt das. Aber zu Hause? Jedem von uns geht es besser, wenn der andere…“, er zögert, „die andere nicht da ist. Dann ist das auch ruhiger mit den Kindern.“ „Ich finde das auch“, sagt sie. „Wenn du nach Hause kommst und ein Gesicht machst, als ob ich und die Kinder nur dazu da sind, dir das Leben zu versauern, dann reicht es mir schon! – Mir ist es inzwischen auch lieber, wenn mein Mann nicht da ist!“, wendet sich die Frau an mich. Dann beginnt sie zu weinen. Sie kramt nach einem Taschentuch.

Er schweigt und stößt dann hervor: „Ich lasse mich nicht durch Tränen erpressen!“

Ich gebe ihr ein Taschentuch. Sie trocknet ihre Tränen, schneuzt sich.

„Warum sind Sie traurig?“, frage ich. Sie erklärt, dass ihr Zärtlichkeit und Nähe fehlen, dass ihr Mann sie nicht mehr anfasst. „Aber das geht doch nicht“, sagt er. „Wie soll ich zärtlich zu dir sein, wenn du mir ständig sagst, was ich falsch mache, wenn du mich anschreist und kritisierst?“ Die Frau weint wieder, sein Gesicht ist wie aus Stein.

„Sie können nur dann Nähe zulassen, wenn in der Beziehung alles in Ordnung ist?“, frage ich den Mann. Er nickt und scheint meine Skepsis zu bemerken. „Ist das vielleicht nicht richtig?“, fragt er fast feindselig. „Nun ja“, sage ich, „es ist der Weg in die Depression!“ „Das glaube ich nicht“, sagt er. „Ich schon“, meine ich. „Sehen Sie – in einer Familie mit Kindern gibt es ständig Unordnung, Konflikte, Spannungen. Und wenn Sie jetzt die Regel aufstellen, dass Genuss und Selbstvergessenheit erst dann möglich sind, wenn alles harmonisch ist, dann wird das Miteinander doch immer seltener, alle sind gereizt, setzen sich unter Druck, damit es endlich wieder so schön ist, wie es sein sollte.“

Die Ehefrau nickt nachdrücklich.

Er fühlt sich erpresst – sie sich verlassen

„Da ist was dran“, gesteht er. „Aber was soll ich machen? Es ist nun einmal so, dass es mir extrem auf die Nerven geht, wenn meine Frau weint. Ich kann das nicht mit­ansehen, ich würde am liebsten weglaufen. Ich bin sauer, dass sie mich damit erpresst. Ich weiß schon, dass ich sie in die Arme nehmen und trösten müsste. Aber dann müsste ich ihr was vorspielen. Und sie sagt sowieso immer, dass ich kalt bin und keine Gefühle zulasse und immer nur meine Ruhe haben will.“

„Aber das sage doch nicht nur ich. Das sagen auch die Kinder. Ich habe doch nur Sorge, dass du den Kontakt zu ihnen verlierst, wenn du dich so zurückziehst.“

„Wie immer mache ich alles falsch!“ Der Ehemann blickt auf seine Armbanduhr und dann zur Tür.

Die Sackgasse ist deutlich genug, in der die beiden angekommen sind.

„Sie müssen doch auch gute Zeiten gehabt haben, wenn Sie beide trotz Ihrer Differenzen so zusammenhalten?“ „Ja, das war, als wir das Geschäft zusammen hatten. Da haben wir uns ergänzt. Mein Mann ist Handwerker, Tapezierer, er kann alles mit Stoffen und Holz, Möbel beziehen, Einbauten entwerfen. Und ich habe das Kaufmännische gemacht, wir hatten auch einen Laden, ich habe manchmal verkauft und die Teilzeitkräfte organisiert.“ „Und dann habe ich das alles kaputtgemacht!“, sagt der Ehemann.

„Das habe ich nie gesagt. Du kannst doch nichts dafür, dass dich unser wichtigster Kunde beschissen hat. Nur hätte ich nicht so schnell aufgegeben!“

Die verschütteten Gefühle finden

Nach dem betrügerischen Konkurs eines Kunden hatte der Ehemann den Betrieb verkauft. Seither arbeitet er als Angestellter des Käufers; die Ehefrau musste sich eine neue Stelle suchen. Sie hätte gerne das eigene Geschäft behalten, neue Ideen eingebracht, aber ihr Mann nahm den Betrug persönlich. Da er der Alleininhaber war, konnte er das über den Kopf seiner Frau hinweg entscheiden. „Ich glaube, Sie brauchen Unterstützung, um diesen Rückschlag zu verkraften“, erkläre ich. „Gegenwärtig ist jeder für den anderen ein lebender Vorwurf. Und dadurch wird alles schlimmer. Ich würde vorschlagen, dass wir gemeinsam versuchen, zu den verschütteten guten Gefühlen zurückzufinden. Wollen Sie es sich überlegen und sich dann wieder melden?“

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2019: Passiv-Aggressiv
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