„Beim Sex zu penisfixiert“

Traditionelle Vorstellungen verhindern sexuelle Befriedigung. Psychoanalytikerin Ilka Quindeau ermutigt vor allem Männer, passive Wünsche zuzulassen.

Ein Mann und eine Frau beim zärtlichen Liebesspiel im Bett
Traditionelle Vorstellungen sind noch immer verbreitet und verhindern ein befriedigendes sexuelles Erleben – insbesondere für Männer. © Fizkes/Getty Images

PSYCHOLOGIE HEUTE Frau Quindeau, schaffen wir in den westlichen Kulturen gerade in sexueller Hinsicht die beiden Geschlechter ab?

ILKA QUINDEAU Abgeschafft werden die Geschlechter natürlich nicht, aber die Geschlechterspannung ist in der Sexualität weniger auf Männer und Frauen verteilt, sondern spielt sich vielmehr innerhalb jedes Mannes und jeder Frau ab. Dies liegt daran, dass Männlichkeit und Weiblichkeit sich nicht so diametral gegenüberstehen, wie es oft den Anschein hat. Vielmehr finden sich in jedem Menschen männliche und weibliche Anteile und damit ein ganzes Spektrum an geschlechtlichen Identifizierungen.

PH Heißt das, dass die Polarisierung eines weiblichen und eines männlichen Geschlechts der Vielfalt sexuellen Erlebens heute nicht mehr angemessen ist?

QUINDEAU Genau. Die Lust- und Befriedigungsmodalitäten lassen sich nicht einfach entlang der Geschlechtergrenzen aufteilen. In der Sexualität spielt die Fantasie eine zentrale Rolle, und die Befriedigungsformen sind nicht von der Anatomie der Genitalien vorgegeben. Konkret heißt das, dass Penetration etwa keine reine Männersache ist. Sie ist nicht an den Penis gebunden, sondern andere Körperteile wie etwa Finger und Hände können diese Funktion auch erfüllen. Das ist nun keine umwerfend neue Erkenntnis, sondern wird in den Liebesspielen von Paaren schon immer praktiziert. Aber in der Theorie macht man sich das oft zu wenig klar und konzipiert das Penetrieren als „männlich“ und das Aufnehmen als „weiblich“, anstatt beides zusammen in jeder Person anzusiedeln.

PH Bei aufgeweichten Rollenmustern heißt das auch, dass jene Anteile in uns aufscheinen, die traditionell dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden. Männer tun sich beispielsweise schwer damit, eine passive, „weibliche“, nehmende Sexualität zu leben – das Bild vom sexuellen Draufgänger…

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