Mutterschaft und Psyche

Zwei Ratgeber richten sich an Frauen mit psychischen Erkrankungen, die Mutter werden wollen. Und beleuchten: Was ist peripartale Depressionen?

Ein Bücherstapel mit den Büchern, die in Ausgabe 7/2024 vorgestellt werden
Das ist der Bücherstapel der Rezesionen aus der Juliausgabe. © Psychologie Heute

Vor knapp 2500 Jahren widmete sich ihnen Hippokrates. Vor neun Jahrhunderten dokumentierte sie die italienische Gelehrte Trota von Salerno. Psychische Erkrankungen von werdenden Müttern sind also seit langem bekannt – und doch werden sie noch immer vernachlässigt. Nun sind zwei Bücher zu dem wichtigen Thema erschienen.

„Auch Frauen mit psychischen Erkrankungen werden Mütter, haben aber einen besonderen Beratungsbedarf“, schreiben die Autorinnen und der Autor des Titels Mutter werden mit psychischer Erkrankung. Das Quartett besteht aus den Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie Anke Rohde und Sarah Kittel-Schneider, dem Kinderarzt Christof Schaefer sowie der Psychotherapeutin Almut Dorn.

Ihr Buch ist wirklich umfassend angelegt: von der Familienplanung über die Einnahme von Psychopharmaka in der Schwangerschaft bis hin zur Geburtsplanung, Entbindung, dem Wochenbett sowie dem Stillen. Damit begleitet das vierköpfige Team seine Leserinnen durch den gesamten Prozess des Mutterwerdens.

Sorge, die Krankheit weiterzugeben

Ein wertvoller Beitrag des Buches liegt darin, die Lesenden bei zentralen Entscheidungsfindungen zu unterstützen, etwa mithilfe von Orientierungsfragen wie: Passt ein Kind in die derzeitige Lebenssituation? Ist meine Partnerschaft tragfähig? Welche Auswirkungen könnten die mit einem Kind auf mich zukommenden Belastungen auf meinen Krankheitsverlauf haben? Das Buch unterstützt dabei, wichtige wie schwierige Entscheidungsprozesse übersichtlicher zu gestalten und reflektierter anzugehen.

Im letzten Teil gehen die vier Fachleute auf einzelne psychische Erkrankungen ein und bieten damit gezielte Informationen, etwa für Schwangere und Mütter mit Essstörungen und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Die Leserinnen benötigen so gut wie kein Vorwissen – weder zum Thema Schwanger- und Mutterschaft noch zu psychischen Störungen. Das Buch bietet eine Fülle grundlegender Informationen, ohne die Leserinnen und Leser zu überfordern. Dabei ist besonders lobenswert, dass ihm ein einfühlsam-mutmachender Ton zugrunde liegt.

„Die Sorge, die eigene Erkrankung an das Kind weiterzugeben, ist bei Betroffenen weit verbreitet. Gene sind jedoch in der Gesamtsumme sehr viel weniger von Bedeutung als die Sicherstellung guter Umgebungsfaktoren und Lebensbedingungen für das Kind“, schreiben die Autorinnen und der Autor und bieten immer wieder beruhigende wie aufbauende Fakten.

Mythos Mutterglück

Die Literaturkritikerin und Schriftstellerin Ulrike Schrimpf widmet sich in ihrem Buch Mythos Mutterglück der peripartalen Depression. Sie betrifft weltweit bis zu 30 Prozent der Frauen, die schwanger sind oder gerade entbunden haben. Seit mehr als 150 Jahren ist die peripartale Depression medizinisch belegt – aber hierzulande dennoch wenig bekannt. Sie unterscheidet sich von der postpartalen Depression dadurch, dass sie zeitlich rund um die Geburt eintritt, während die postpartale Depression bis zu zwei Jahre nach der Entbindung eintreten kann. Da Frauen mit psychischen Vorerkrankungen zur Risikogruppe gehören, ergänzt das Buch von Schrimpf die Lektüre von Rohde, Schaefer, Dorn und Kittel-Schneider.

Peripartale Depressionen beginnen häufig während der Schwangerschaft. „Das wird leider zu selten erkannt und deshalb auch oft nicht rechtzeitig behandelt“, schreibt Schrimpf. Die Autorin war um die Geburt ihres zweiten Kindes herum selbst von der Depression betroffen. Mit ihren Leserinnen teilt sie diese Erfahrungen offen und unverblümt – und gerade das macht ihr Buch so wertvoll für Betroffene: Sie können sich in der Autorin wiederfinden und fühlen sich auf diese Weise potenziell verstandener und weniger allein.

Die Aufgabe des Partners

Hinzu kommt, dass Schrimpf sich tief in die Materie eingelesen hat und auf zahlreiche andere Autoren und Forscherinnen eingeht. Sie skizziert auf sehr gelungene Weise, wie elementar Schwangerschaft und Geburt die Identität der Frau beeinflussen. Zu Recht kritisiert Schrimpf, dass unsere Gesellschaft die peripartale Depression für Mütter noch schwieriger macht, denn die Krankheit kollidiert mit dem gesellschaftlich aufgebauschten Mythos Mutterglück. In der zweiten Hälfte des Buches geht Schrimpf auf die unterschiedlichen Erkrankungsformen der peripartalen Depression und die Therapiemöglichkeiten ein.

Die Lektüre empfiehlt sich nicht nur Betroffenen, sondern auch Angehörigen – nicht zuletzt weil es zu traumatischen Familiensituationen kommen kann, wenn Familienmitglieder zu wenig über die peripartale Depression wissen. Etwa wenn ein Vater der Mutter das Kind entzieht, aus Sorge darüber, dass diese ihren Nachwuchs vernachlässigt. „Eine Depression verlangt den Partnern der Betroffenen viel ab“, weiß Schrimpf aus ihrer eigenen Erfahrung.

Beide Bücher richten sich auch an Personen, die beruflich mit Schwangeren zu tun haben. Doch gerade werdenden wie neuen Müttern bietet die Lektüre einen wertvollen Kompass. Und: Beide Bücher brechen die gesellschaftlichen Vorurteile rund um das Mutterwerden und psychische Erkrankungen weiter auf.

Anke Rohde, Christof Schae­fer, Almut Dorn, Sarah Kittel-Schneider: Mutter ­werden mit psychischer ­Erkrankung. Von Kinderwunsch bis Elternschaft. Kohlhammer 2024, 310 S., € 30,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2024: Die Straße der guten Gewohnheiten
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