Depression

Depressionen zeigen sich in Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Antriebslosigkeit – aber nicht nur. Wie man sie erkennt und was sich dagegen tun lässt

Eine junge Frau mit dunklen Locken und T-Shirt sitzt auf einem Balkon in einer Stadt und hat sich mit den Kopf traurig auf das Geländer gelegt und schaut in die Ferne
Weltweit leiden etwa 280 Millionen Menschen an Depressionen. © martin-dm/Getty Images
Inhalt

Definition Depression

Von US-Präsident Abraham Lincoln über die berühmte Schriftstellerin Virginia Woolf bis hin zu Buzz Aldrin, einem der ersten Menschen auf dem Mond: Die Depression kann jeden treffen. Sie ist die häufigste psychische Erkrankung und gehört zu den affektiven Störungen, also jenen Erkrankungen, die direkt das emotionale Gleichgewicht betreffen. Menschen mit Depressionen erleben eine anhaltende, dumpfe Niedergeschlagenheit, die das Leben in einen grauen Schleier hüllt. Die Krankheit beeinflusst nicht nur das Denken, Fühlen und Handeln, sondern äußert sich auch körperlich.

Wie viele Menschen haben eine Depression?

Weltweit leiden schätzungsweise 280 Millionen Erwachsene an Depressionen, das sind fünf Prozent der Weltbevölkerung. In Deutschland erkranken jährlich 5,3 Millionen, also jeder fünfte bis sechste Erwachsene zwischen 18 und 79 Jahren. Die Dunkelziffer liegt jedoch weit höher, da Jugendliche und ältere Menschen nicht erfasst sind und viele Erkrankungen unerkannt bleiben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Depressionen bis 2030 die weltweit häufigste Krankheit sein werden – noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wer ist besonders betroffen?

„Armut, soziale Benachteiligung, traumatische Erfahrungen und weibliches Geschlecht sind die häufigsten Prädiktoren“, sagt Martin Hautzinger, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Über die gesamte Lebensspanne betrachtet, ist die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken, bei Frauen mit 25 Prozent doppelt so hoch wie bei Männern, bei ihnen beträgt sie 12 Prozent. Aber auch Faktoren wie das Alleinleben, geringe Bildung oder fehlende Sozialkontakte erhöhen das Risiko.

Symptome von Depressionen

Niedergeschlagenheit, Traurigkeit und Antriebslosigkeit stehen im Mittelpunkt der Depression, hinzu kommen individuelle Begleitsymptome, die vielfältige Formen und unterschiedliche Ausprägungen haben können. Typisch ist, dass seelische und körperliche Beschwerden gemeinsam auftreten. In Lehrbüchern werden die Symptome in der Regel in Kategorien eingeteilt. Martin Hautzinger unterteilt sie in seinem Buch „Akute Depression“ beispielsweise folgendermaßen:

  • Emotional: Gefühle von Niedergeschlagenheit, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Einsamkeit und innerer Leere, aber auch Feindseligkeit, Angst und Sorge oder der Eindruck, keine Gefühle zu haben

  • Motivational: Rückzugs- und Vermeidungsverhalten, Erleben von Hilflosigkeit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Gefühl ständiger Überforderung, Entscheidungsunfähigkeit, Rückzug bis hin zum Suizid als letzten Ausweg und letzte Kraftanstrengung

  • Kognitiv: Negative Sicht auf die eigene Person, die eigenen Fähigkeiten und auf die Zukunft, Konzentrationsprobleme, ständiges Grübeln, Wahnvorstellungen, Gedanken der Sinnlosigkeit des Lebens, Hoffnungslosigkeit, Suizidgedanken

  • Physiologisch-vegetativ: Innere Unruhe, Reizbarkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Appetit- und Gewichtsverlust, Libidoverlust, Magen- und Verdauungsbeschwerden sowie Kalziummangel, schlechte Eisenwerte

  • Verhalten & Motorik: Kraftlose, gedrückte aber auch unruhige Körperhaltung, trauriger, sorgenvoller oder angespannter Gesichtsausdruck, leidende und langsame Sprache oder allgemeine Aktivitätsminderung

Unterschied zwischen einer Depression und üblichen Stimmungsschwankungen

„Ich bin depressiv.“ Solche Aussagen sind im Alltag häufig zu hören, weil jeder die typischen Symptome einer Depression kennt. Gefühle der Schwermut sind normale Reaktionen auf Lebensereignisse wie Trennungen oder berufliche Belastungen. Vor allem in Trauerphasen gehören sie zum Verarbeitungsprozess. Hält die Trauer jedoch über mindestens zwei Monate unverändert an, kann dies auf eine depressive Störung hinweisen, ebenso wenn sich eine Niedergeschlagenheit ohne erkennbaren Grund über mindestens zwei Wochen hinzieht.

Verschiedene Formen der Depression

Manche Menschen erleiden eine depressive Episode zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben, andere sind wiederkehrend oder chronisch betroffen. Einige wenige erkranken hingegen an einer bipolaren Störung, bei der sich manische und depressive Phasen abwechseln.

Unipolare Depression

Depressive Episode

Einmaliges Auftreten einer depressiven Episode im Laufe des Lebens. Die Dauer der Episode kann zwischen einigen Wochen und mehreren Monaten stark variieren.

Rezidivierende depressive Störung

Mehrere wiederkehrende depressive Episoden. Zwischen den depressiven Phasen bessern sich die Symptome oder verschwinden ganz. Der zeitliche Abstand der Episoden ist sehr individuell: Er kann Wochen, Monate, Jahre oder aber Jahrzehnte betragen. Durchschnittlich liegt der Abstand bei vier bis fünf Jahren.

Chronische Depression (Dysthymie)

Die Dysthymie ist eine abgeschwächte aber chronische Form der Depression. Sie bezeichnet eine depressive Verstimmung, die länger als zwei Jahre anhält, aber nicht den Schweregrad einer depressiven Episode erreicht.

Bipolare affektive Störung

Die bipolare Störung beschreibt den Wechsel von manischen und depressiven Phasen. Depressive Episoden zeigen die typischen Symptome einer Depression, während manische Phasen durch gehobene Stimmung, gesteigertes Selbstwertgefühl und übermäßige Aktivität gekennzeichnet sind. Die Dauer und Häufigkeit der Phasen sind ebenfalls sehr individuell. In Deutschland leiden etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung an einer bipolaren Störung.

Wie eine Depression diagnostiziert wird

Das ICD (International Classification of Diseases), das der Klassifikation und Diagnostik sämtlicher Krankheiten dient, unterscheidet zwischen einer einmaligen oder wiederkehrenden depressiven Episode, bipolaren Störungen, Dysthymie sowie anderen Formen wie prämenstrueller oder postpartaler Depression. Nach dem DSM-5 (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen), das explizit für die Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen entwickelt wurde, wird eine schwere Episode als Major Depression bezeichnet, eine weniger schwere als Minor Depression.

In beiden Klassifikationssystemen muss für eine depressive Episode beziehungsweise eine Major Depression eine bestimmte Anzahl von Symptomen über einen gewissen Zeitraum vorliegen. Die Symptome dürfen nicht durch Substanzen, eine bipolare Störung (Wechsel zwischen depressiven und manischen Episoden) oder andere Erkrankungen erklärt werden können.

Screeninginstrumente wie der Gesundheitsfragebogen PHQ-9 liefern erste Erkenntnisse, aber keine medizinische Diagnose. Eine umfassende Diagnose umfasst verschiedene Messinstrumente wie standardisierte Interviews (z.B. IDCL), Fragebögen, Selbst- und Fremdbeurteilungsbögen (z.B. BDI-II, HDRS). Sie kann auch motorische oder somatische Verfahren (z.B. EEG, MRT) beinhalten.

Depression nach DSM-5

Nach dem DSM-5 müssen mindestens fünf Symptome über einen Zeitraum von zwei Wochen vorliegen, von denen eines eine depressive Verstimmung oder der Verlust von Freude ist. Die anderen möglichen Symptome sind Interessenverlust, Gewichtsveränderung, Schlafstörungen, Unruhe oder Hemmung, Energieverlust, Gefühle der Wertlosigkeit, Konzentrationsprobleme und Suizidgedanken.

Depression nach ICD-10

In der ICD-10 müssen mindestens zwei der drei Hauptsymptome und mindestens zwei Zusatzsymptome über mindestens zwei Wochen vorliegen. Bei einer schweren depressiven Episode kann die Diagnose auch nach weniger als zwei Wochen gestellt werden.

Hauptsymptome

  • depressive Verstimmung

  • Interessenverlust/Freudlosigkeit

  • Verminderter Antrieb/gesteigerte Ermüdbarkeit

Zusatzsymptome:

  • Konzentrationsprobleme

  • vermindertes Selbstwertgefühl

  • Schuldgefühle (Wertlosigkeit)

  • negative/pessimistische Zukunftsperspektiven

  • Suizidgedanken

  • Schlafstörungen

  • verminderter Appetit

Schweregrad einer Depression

Je nach Anzahl erfüllter Haupt- und Zusatzsymptome werden depressive Episoden in der ICD-10 in Schweregrade unterteilt.

  • Leicht: zwei Haupt- und maximal zwei Nebensymptome

  • Mittelgradig: zwei Haupt- und drei bis vier Nebensymptome

  • Schwer: alle drei Hauptsymptome und mindestens vier Nebensymptome

Depression nach ICD-11

Im Januar 2022 ist die ICD-11 erschienen, welche die ICD-10 ersetzen soll. Der Wechsel zwischen diesen Klassifikationssystemen ist jedoch ein langwieriger Prozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt, sodass die ICD-10 noch ein paar Jahre gültig sein wird. In der überarbeiteten Fassung bleiben die Diagnosekriterien ähnlich, wurden aber an das DSM-5 angeglichen. Für eine depressive Episode müssen mindestens fünf von zehn Symptomen über zwei Wochen vorliegen. Unter den fünf Symptomen muss eines der beiden Leitsymptome sein, also entweder eine depressive Stimmung oder der Verlust an Freude oder Interesse. Die Einteilung in die Schweregrade erfolgt hier nicht nur wie im ICD-10 nach der Summe der Symptome, sondern berücksichtigt auch deren Intensität und das Ausmaß der Beeinträchtigung.

Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen

Viele der typischen Symptome kommen auch bei anderen psychischen oder körperlichen Krankheiten vor. Die Depression wird deswegen oft nicht erkannt. Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Betroffenen werden nicht oder falsch behandelt. Insbesondere manische Phasen werden im Krankheitsverlauf häufig übersehen. Diagnostiker müssen Depressionen mit wahnhaften Symptomen wie Paranoia oder Verfolgungswahn von Schizophrenie oder anderen schizoaffektiven Störungen unterschieden. Auch normale Trauer ist von Depressionen abzugrenzen. Darüber hinaus tritt die Erkrankung häufig zusammen mit Angststörungen, Zwängen und anderen psychischen Störungen auf. Mehrfachdiagnosen, im Fachjargon Komorbidität genannt, sind also keine Seltenheit.

Ursachen: Wie entsteht eine Depression?

Von genetischen Faktoren über veränderte Hirnregionen bis hin zu sozialen und psychischen Einflüssen: So vielfältig und individuell wie die Symptome sind auch die Ursachen für ihre Entstehung, wobei fast nie ein einzelner Faktor für die Entstehung verantwortlich ist.

Biologische Einflüsse

Genetische Faktoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung, wie Familien- und Zwillingsstudien zeigen. Ist beispielsweise ein eineiiger Zwilling erkrankt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der zweite Zwilling erkrankt, bei rund 70 Prozent. Bei zweieiigen Zwillingen beträgt die Wahrscheinlichkeit dagegen nur 20 Prozent – ebenso wie bei Eltern und Geschwistern. Entscheidend für das Erkrankungsrisiko ist also der Verwandtschaftsgrad. Wie genau die genetischen Grundlagen eine depressive Erkrankung begünstigen, ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt.

Neurochemische Einflüsse

Viele Menschen mit Depressionen weisen Veränderungen in bestimmten Hirnregionen auf:

  • Amygdala: Die Amygdala, die für Emotionen, körperliche Reaktionen und das emotionale Gedächtnis zuständig ist, weist von der Norm abweichende Durchblutungs- und Reaktionsmuster auf.

  • Limbisches System: Das limbische System, das für die Stress- und Emotionsregulation wichtig ist, zeigt eine empfindlichere Aktivität und eine verminderte Neuronenbildung.

  • Hypothalamus: Der Hypothalamus, der Libido, Hormonregulation, Schlaf und Appetit steuert, ist vergrößert. Dies könnte möglicherweise mit der erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol zusammenhängen.

  • Großhirnrinde: Strukturelle Veränderungen können im präfrontalen Cortex auftreten, der für die Entscheidungsfindung und andere kognitive Leistungen wichtig ist.

Gleichzeitig zeigen Depressive eine verminderte Aktivität der chemischen Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Noradrenalin, die bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen eine Schlüsselrolle spielen. Serotonin, auch als „Glückshormon“ bekannt, beeinflusst die Stimmung, Noradrenalin reguliert unter anderem Aufmerksamkeit und Stressreaktionen, das dopaminerge System ist an Motivation und Belohnung beteiligt. Diese als Serotoninhypothese bekannte Erklärung wurde lange Zeit durch die symptomlindernde Wirkung von Antidepressiva unterstützt. Eine 2022 veröffentlichte Studie der britischen Psychiaterin Joanna Moncrieff stellt diese Annahme jedoch stark in Frage: Den Analysen zufolge gibt es keine empirischen Belege für einen Serotoninmangel. Vielmehr wird vermutet, dass bisher unbekannte biochemische Mechanismen für die Wirksamkeit von Antidepressiva verantwortlich sind.

Psychologische Einflüsse

Während bei psychodynamischen Ansätzen unbewusste Konflikte in der frühen Kindheit im Vordergrund stehen, konzentrieren sich behavioristische und kognitive Modelle auf fehlerhafte Denk- und Verhaltensmuster. Sie sind die Grundlage vieler Therapieansätze.

Verlust des Positiven: Die Verstärker-Verlust-Hypothese

Die Verstärker-Verlust-Hypothese des Psychologen Peter Lewinsohn basiert auf der Theorie der operanten Konditionierung. Sie besagt, dass eine Person bestimmte Verhaltensweisen häufiger oder seltener zeigt, wenn sie dafür belohnt oder bestraft wird. Darauf aufbauend vermutete Lewinsohn, dass der Verlust oder ein zu geringes Maß an positiven Verstärkern wie Lob, Anerkennung oder Zuwendung zur Entstehung depressiver Symptome beiträgt. Langfristig führt der Mangel an Verstärkern zu weniger positiven Handlungen, Motivationsverlust und weiterem Rückzug.

Negative Verzerrungen: Das kognitive Schemata nach Aaron T. Beck

Nach der berühmten Theorie von Beck weisen depressive Menschen drei Arten von kognitiven Verzerrungen auf, die nicht nur depressive Symptome verursachen, sondern sich auch gegenseitig verstärken. Denkt jemand schlecht über sich selbst, sieht die Welt pessimistisch und blickt negativ in die Zukunft, dann beeinflusst und beeinträchtigt dies auch die Bewertung neuer Erlebnisse und Ereignisse.

Dauerhaft hilflos: Die erlernte Hilflosigkeit von Martin Seligman

Ein weiteres bekanntes Modell betont das immer wiederkehrende Gefühl, keine Kontrolle über die Ereignisse im Leben zu haben. Nach dem amerikanischen Psychologen Martin Seligman werden Menschen durch dieses Gefühl passiv, sie resignieren oder entwickeln körperliche Symptome. Entscheidend für die empfundene Hilflosigkeit ist jedoch die Art und Weise, wie man sich Ereignisse erklärt.

Beispiel einer ungünstigen Erklärung, welche die Entwicklung einer Depression begünstigt:

  1. internal: „Ich bin das Problem.“

  2. stabil: „Das Problem ist unveränderlich.“

  3. global: „Das Problem ist allgegenwärtig.“

Soziokulturelle Faktoren

Wenig Geld, niedriger sozialer Status, traumatische Erfahrungen, Leben in der Großstadt und das Singledasein erhöhen das Risiko, an einer Depression zu erkranken, während höhere Bildung, ein sicherer Arbeitsplatz, eine gesunde Partnerschaft oder Ehe und ein Leben in der Kleinstadt mit einem geringeren Risiko einhergehen. Dass Frauen häufiger unter Depressionen leiden, kann auf die Mehrfachbelastung durch Beruf, Kinder und Haushalt sowie auf Mißbrauchserfahrungen und gesellschaftlichen Druck zurückzuführen sein, wie Studien zeigen.

Verlauf und Prognose einer Depression

Die Depressionsspirale

Laut Therapeutinnen und Psychologen entwickelt sich die Depression unbemerkt – viele Menschen realisieren sie erst, wenn sie ganz unten angekommen sind. Martin Hautzinger beschreibt den Verlauf als eine Abwärtsspirale, deren Anfang nicht erkennbar ist. Die Spirale in die Depression kann mit einem belastenden Ereignis beginnen, aber auch mit Erschöpfung oder körperlichen Beschwerden wie Schlafstörungen. Entscheidend ist, dass sich die verschiedenen Symptome gegenseitig verstärken. Ein Teufelskreis entsteht.

Prognose einer Depression

Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Behandelten werden wieder vollständig gesund, bei vielen bleiben aber einzelne Beschwerden zurück. „Hinzu kommen 20 bis 25 Prozent, deren Symptome sich trotz Therapie nicht bessern“, sagt Martin Hautzinger. Gleichzeitig ist die Rückfallwahrscheinlichkeit bei bereits Erkrankten hoch – vor allem, wenn die Erkrankung schon im Jugendalter auftritt. Das Risiko einer chronischen Depression scheint dagegen bei älteren Menschen höher zu sein – und es steigt noch einmal an, wenn eine körperliche Erkrankung hinzukommt.

Suizid: ein hohes Risiko

Die meisten Suizide werden von depressiven Menschen begangen. Das Suizidrisiko von Personen, die an einer Depression leiden, wird auf 15 Prozent geschätzt und konnte auch durch moderne Behandlungsformen nicht gesenkt werden. Besonders betroffen sind junge (18 bis 25 Jahre) und ältere Erwachsene (über 70 Jahre).

Behandlung von Depressionen

Medikamentengabe und Psychotherapie sind allein oder in Kombination die wichtigsten Behandlungsformen. Insbesondere Psychotherapie hat sich bei allen Altersgruppen, Schweregraden und Verläufen als wirksam erwiesen. Die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonelle Psychotherapie sind selbst kurzfristig mit den Erfolgen der Pharmakotherapie vergleichbar, langfristig ist die Verhaltenstherapie sogar erfolgreicher – insbesondere beim Verhindern von Rückfällen. Die Psychoanalyse ist ähnlich erfolgversprechend wie die Verhaltenstherapie, benötigt aber laut einer Studie durchschnittlich 300 Sitzungen in drei Jahren, während die Verhaltenstherapie 60 Sitzungen in weniger als eineinhalb Jahren erfordert. Dennoch kann die Psychoanalyse für manche Menschen die geeignete Therapieform sein.

Psychotherapie

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie betrachtet insbesondere den Zusammenhang zwischen Fühlen, Denken und Handeln und konzentriert sich auf aktuelle Probleme. Ziel ist es, die Depressionsspirale zu durchbrechen, indem hinderliche Denkmuster analysiert und neue Verhaltensweisen sowie soziale Fähigkeiten aufgebaut werden. Die Therapie umfasst etwa 20 bis 60 Einzelsitzungen.

Psychodynamische Psychotherapien (Psychoanalyse und tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie)

In psychodynamischen Modellen werden ungelöste Konflikte in der frühen Kindheit als Ursache für Depressionen angesehen. Psychodynamische Therapien setzen daher an den Konflikten aus der Vergangenheit an. Die Patientinnen und Patienten sollen die damit verbundenen Verletzungen aufarbeiten, neue Sichtweisen entwickeln und eigene Stärken finden.

Interpersonelle Psychotherapie

Die interpersonelle Psychotherapie verbindet Elemente verschiedener therapeutischer Schulen und konzentriert sich auf soziale und zwischenmenschliche Erlebnisse. Im Vordergrund stehen die Symptombewältigung, die Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit. Sie hat sich bei unipolaren Depressionen bewährt, nicht jedoch bei psychotischen Formen.

Medikamentöse Behandlung

Die Einnahme von Antidepressiva ist neben der Psychotherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung. Die Wirkstoffe der Antidepressiva sollen bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) wieder ins Gleichgewicht bringen und so die Symptome lindern. Es kann einige Tage bis zu drei Wochen dauern, bis man Veränderungen spürt. Oft müssen verschiedene Antidepressiva ausprobiert werden, bei manchen Menschen schlagen sie jedoch überhaupt nicht an. Antidepressiva sind vor allem bei schweren Depressionen hilfreich.

Alternative Therapiemöglichkeiten

Schlafentzug

Neben medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung wird manchmal auch Schlafentzug (Wachtherapie) eingesetzt. Dabei bleiben die Patienten zwei- bis dreimal pro Woche entweder eine ganze Nacht oder die zweite Nachthälfte wach. Das Verfahren erfolgt meist stationär und zeigt stimmungsaufhellende Effekte.

Lichttherapie

Lichttherapie kommt vor allem bei der saisonal abhängigen Depression zum Einsatz, der sogenannten Winterdepression. Durch die tägliche Bestrahlung mit therapeutischem Licht in einer Stärke von 2500 bis 10 000 Lux können die Symptome einer saisonal abhängigen Depression nachweislich gelindert werden.

Elektrokrampftherapie

Die Elektrokrampftherapie (EKT) wird häufig als letzte Behandlungsmöglichkeit bei sehr schweren, akuten und therapieresistenten Depressionen angesehen. Sie wird eingesetzt, wenn vorherige Therapien erfolglos waren. Den Betroffenen werden unter Vollnarkose Elektroden an Schläfe oder Stirn angebracht, um durch einen kontrollierten Krampfanfall Botenstoffe im Gehirn freizusetzen. Diese Methode ist besonders bei sehr schweren und psychotischen Depressionen wirksam.

Prävention: Kann ich einer Depression vorbeugen?

Es gibt einiges, das man beachten kann, um die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung zu reduzieren.

Weitere Informationen und Beratung einholen

Aufklärung und Wissen über die Krankheit sind wichtige Bausteine bei der Prävention– unabhängig von Alter und sozialer Schicht. Sie können Vorurteile abbauen und helfen dabei, erste Anzeichen zu erkennen und frühzeitig zu handeln. Hier sind einige hilfreiche Adressen:

  • Die Deutsche Depressionshilfe (0800 -3344 533, deutsche-depressionshilfe.de) informiert umfassend über die Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten

  • Allgemeine Telefonseelsorge: 0800-111 0 111 (kostenfrei und 24 Stunden/Tag erreichbar)

  • mehrsprachige Angebote: Unabhängige Patientenberatung Deutschland (patientenberatung.de) oder iFightDepressionen®, der European alliance against depression (ifightdepression.com)

Schutzfaktoren und präventive Maßnahmen

Neben allgemeinen Schutzfaktoren wie einem stabilen sozialen Umfeld, finanzieller Sicherheit, gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung können Präventionsprogramme Depressionen vorbeugen. Die bisher wenigen allgemeinen Präventionsprogramme zum Beispiel für Schulklassen („Lebenslust mit Lars & Lisa“ (Pössel & Hautzinger, 2022)), Berufstätige oder Seniorinnen haben sich ebenso bewährt wie gezielte Interventionen für Kinder depressiver Eltern. Wichtig ist die wiederholte Durchführung – kein einmal durchgeführtes Programm bewirkt Veränderungen.

Wie Sie erste Anzeichen einer Depression erkennen und was dann zu tun ist

Einer Depression gehen häufig unspezifische Symptome wie Schmerzen, ständige Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Ängste, Lustlosigkeit, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit voraus. Deshalb ist es wichtig, genau hinzuschauen und lieber früher als später professionelle Hilfe zu suchen.

Leitfaden für den Umgang mit Depressionen von Martin Hautzinger

1. Symptome ernst nehmen

2. Nicht abwarten, handeln! (Also mit Angehörigen und der Ärztin sprechen)

3. Den Zusammenhang von Denken, Handeln und Fühlen beachten

4. Sich nicht unter Druck setzen

5. Aktiv bleiben und sich nicht verkriechen (Feste Tagesabläufe und Verabredungen helfen dabei)

6. Sich selbst Lob aussprechen – auch für kleine Veränderungen

7.Geduldig bleiben: Neues Denken und Verhalten braucht Übung und Zeit

Leitfaden für Angehörige

Der Umgang mit depressiven Menschen kann sehr belastend sein. Angehörige können und sollen nicht versuchen, die Rolle von Therapeutinnen und Therapeuten zu übernehmen. Sie sollten die eigenen Grenzen wahren. Hilfe und Unterstützung finden Angehörige in Selbsthilfegruppen, psychotherapeutischen Angeboten, aber auch in speziellen Online-Trainings, die unter anderem von Krankenkassen angeboten werden, zum Beispiel der „Familiencoach Depression“ der AOK. Hilfreich für den Umgang ist zunächst, sich selbst über die Krankheit zu informieren. Im Buchhandel oder im Internet gibt es zahlreiche Ratgeberbücher. Darüber hinaus ist es gut, eine schützende Atmosphäre zu schaffen und dem anderen gegenüber Mitgefühl, aber auch Lob auszudrücken. Überforderung, Druck oder Verharmlosung der Krankheit („Das wird schon wieder“) sind dagegen nie angebracht. Äußert der oder die Betroffene lebensmüde Gedanken, sollte man den Notarzt rufen oder die nächste psychiatrische Klinik aufsuchen.

Fünf weitere häufig gestellte Fragen zu Depression

Depressionen gehören zu den häufigsten und in ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Fünf Fragen zu der Volkskrankheit.

1. Wie fühlt sich eine Depression körperlich an?

Energielosigkeit ist das zentrale körperlichen Symptom. Nach Infektionen wie Covid-19 oder einer Erkältung leidet man jedoch ebenfalls unter verminderter Vitalität, das erschwert die Diagnose. Weitere körperliche Anzeichen sind diffuse, unerklärliche Beschwerden sowie Schlafstörungen.

2. Gibt es Begleiterkrankungen bei einer Depression?

Bei über 70 Prozent der Erkrankten wird neben der Depression eine weitere Diagnose gestellt. Somatische Krankheiten wie Demenz, Parkinson und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen mit erhöhten Depressionsraten einher, aber auch Angststörungen, Zwänge, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und andere Suchterkrankungen treten häufig komorbid auf. Die Frage, ob die Depression eine Folge von diesen Erkrankungen und Störungen ist oder vorher bestand, kann oft nicht beantwortet werden.

3. Was ist eine „hochfunktionale“ Depression?

„Hochfunktionale“ Depression beschreibt, dass jemand von außen betrachtet normal funktioniert, innerlich aber mit starker Verzweiflung und Niedergeschlagenheit kämpft. Auch wenn er Beruf, Karriere, Freizeit und Familie meistert. Der Begriff wird umgangssprachlich, aber nicht klinisch verwendet.

4. Warum sind ältere Menschen häufiger von Depressionen betroffen?

Die Annahme, dass ältere Menschen häufiger betroffen sind, ist inzwischen widerlegt: Nach aktuellen Studien treten Depressionen in allen Altersgruppen gleich häufig auf. Die Ersterkrankungsrate ist im höheren Lebensalter sogar niedriger als bei jüngeren Erwachsenen – laut WHO hat sich der Zeitraum des erstmaligen Erkrankens vorverlegt. In den 1970er-Jahren lag er statistisch gesehen bei 35 bis 45 Jahren, mittlerweile schon bei 18 bis 25 Jahren, sagt Martin Hautzinger. Bei älteren Menschen handelt es sich häufig um Wiedererkrankungen, die früher möglicherweise nicht erkannt wurden.

5. In welchen Monaten erkranken Menschen besonders häufig an einer Depression?

Obwohl Depressionen das ganze Jahr über auftreten können, zeigen sich depressive Symptome vor allem im Winter. Die Ersterkrankungsraten sind laut Martin Hautzinger im Frühjahr und im Sommer generell niedriger als in der dunklen Jahreszeit. Hinzu kommt eine Sonderform der Depression – die sogenannte Winterdepression: Eine kleine Gruppe von Menschen leidet an dieser saisonal abhängigen Erkrankung, die ausschließlich und wiederholt in der dunklen Jahreszeit auftritt.

Quellen

Martin Hautzinger: Akute Depression. Fortschritte der Therapie. Hogrefe 2023 (2. überarbeitete Auflage) https://www.hogrefe.com/de/shop/akute-depression-97153.html

Martin Hautzinger: Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe 2022 (3. aktualisierte Auflage) https://www.hogrefe.com/de/shop/ratgeber-depression-96587.html

Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. Person Studium 2006 (16. aktualisierte Auflage)

Rolf Oerter, Leo Montada (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Beltz 2002 (5. überarbeitete Auflage)

Joanna Moncrieff u.a.: The serotonin theory of depression: a systematic umbrella review of the evidence. Molecular Psychiatry, 28, 2023, 3243–3256 https://www.nature.com/articles/s41380-022-01661-0

World Health Organization: Depressive disorder (depression), 31. März 2023 https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression

Deutsche Depressionshilfe: Was ist eine Depression, Seitenaufruf November 2023 https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/was-ist-eine-depression/haeufigkeit

Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.: Verlauf der Bipolaren Störung, Seitenaufruf November 2023 https://dgbs.de/bipolare-stoerung/verlauf

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