Virtuelle Realitäten: „Der Himmel kostet Eintritt“

Neurowissenschaftler Joachim Bauer warnt in seinem Buch vor virtuellen Welten, während Philosoph David Chalmers sie mit offenen Armen begrüßt.

Außerhalb von Forschungslaboren war die virtuelle Realität bisher kein großes Thema. Das könnte sich bald ändern: Nachdem der Facebook-Konzern, der seit Herbst 2021 vielsagend Meta heißt, sein Geschäftsmodell auf den virtuellen Kosmos namens „Metaverse“ ausgerichtet hatte, hat Apple im Juni eine Datenbrille vorgestellt, die ein ungekannt realistisches 360-Grad-Erlebnis verspricht.

Das an eine Taucherbrille erinnernde Gerät namens Vision Pro wird erst 2024 erscheinen und ist sündhaft teuer. Überhaupt gibt es auch mit der besten Hardware im Moment nicht allzu viel, was man in virtuellen Welten machen kann. Doch die Anwendungen werden zahlreicher, die Endgeräte erschwinglicher, zumal im Silicon Valley eine hohe Bereitschaft besteht, Unsummen zu investieren, um aus Forschungs­gegenständen vermarktbare Produkte zu machen. Werden wir eines Tages also implantierte Chips tragen, die uns den mühelosen Sprung in immersive Welten ermöglichen?

Für den Rest des Lebens über den Mond hopsen

Für Joachim Bauer, Arzt und Neurowissenschaftler, ist das eine Horrorvorstellung. Er glaubt: Hier ist nichts Geringeres als die Menschlichkeit bedroht. In seinem gleichnamigen Buch warnt er vor einem Realitätsverlust, der sich dann einstellen könne, wenn wir uns aus der physischen Welt allzu sehr in virtuelle Universen flüchten. Für ihn ist das schon heute ein Problem, gerade für Kinder: Sie bräuchten die Resonanz von engen Bezugspersonen und der physischen Welt um sie herum unbedingt für eine gesunde Entwicklung, schließlich sei der Körper der Ausgangspunkt für die Ausbildung von In­telligenz.

Die von den sogenannten Transhumanisten vorgetragene Vorstellung, wir könnten uns eines Tages gänzlich von unserem Körper lösen, bereitet Bauer Unbehagen: Menschen seien auf eine Kontaktaufnahme zwischen Körper und Außenwelt angewiesen. So bilde sich etwa beim Menschen „jedes Gefühl, wie auch bildgebende Verfahren zeigen können, im gesamten Körper ab“; Gefühle spiegelten „nicht nur wider, was uns widerfahren ist, sie können ihrerseits auf unseren Körper zurückwirken“. Der Vorstellung, man könne geistige Phänomene einfach fein säuberlich vom Körper trennen, widerspricht Bauer.

Nun könnte man einwenden, dass eine solche Kritik lediglich auf Erfahrungswerten aus der Vergangenheit beruhe. Was, wenn es eines Tages möglich wird, diese Probleme in den Griff zu bekommen – so dass Menschen, selbst wenn sie durchgehend im virtuellen Raum unterwegs sind, nicht zu verkümmern drohen? Was, wenn es eines Tages eine echte „Erlebnismaschine“ gibt?

Der Begriff stammt aus einem Gedankenexperiment des Philosophen Robert Nozick und beschreibt ein Szenario, in dem eine von Hirnforscherinnen und Hirnforschern entwickelte Apparatur jedem, der sie einstöpselt, die spektakulärsten Erlebnisse ermöglicht: Gitarre spielen mit Jimi Hendrix, fröhlich über den Mond hopsen, dauerverliebt sein – was auch immer man sich wünscht. Würde man sich für den Rest des Lebens an die Maschine anschließen wollen?

Transhumanistisches Heilsevangelium

Nozick war, als er das Experiment im Jahr 1974 vorstellte, skeptisch. Für ihn machte es einen relevanten Unterschied, ob man eine Erfahrung nur virtuell im inneren Kino vorgespielt bekommt oder ob man sie wirklich durchlebt. In seinem Buch Realität+ richtet sich der australische Philosoph David Chalmers nun gegen dieses Denken. Chalmers’ These ist, dass wir „innerhalb eines Jahrhunderts über virtuelle Realitäten verfügen werden, die sich nicht mehr von der nichtvirtuellen Welt unterscheiden lassen“. Ihm zufolge ist das kein Schreckensszenario, denn philosophisch betrachtet gibt es für ihn keinen Qualitätsunterschied zwischen simulierter und physischer Realität.

Der Erlebnismaschinen-Skepsis von Nozick entgegnet er: Wenn wir erst einmal technisch so weit sind, dass wir unser Körpergefühl und unsere Sinnes­erfahrungen vollständig digital nachbilden können, wird die dauerhafte Existenz in der Virtualität zunehmend attraktiv. Wir könnten dann unseren Geist vielleicht sogar in digitaler Transformation auf einen Computer „hochladen“. Im besten Fall wäre das – in den Worten Chalmers’ – eine Welt, die sei wie ein „Himmel, in dem die Menschen ewig leben können“.

Spätestens da wird aus Chalmers’ in Teilen durchaus lesenswerter Auseinandersetzung mit der auf Descartes zurückgehenden Einsicht, dass sich für ein Wesen mit Bewusstsein die Existenz der Außenwelt nicht beweisen lässt, ein transhumanistisches Heils­evangelium.

Von Machtinteresse gepflasterte Utopie

Joachim Bauer geht in seinem Buch auf David Chalmers’ Thesen ein. Seine Kritik, Chalmers ignoriere die Tatsache, dass der Weg zu dieser vermeintlichen Utopie mit ökonomischen und Machtinteressen gepflastert sei, ist gerechtfertigt. Denn bisher sind es die Tech-Riesen, die im Bereich der virtuellen Realität den Ton angeben, und es ist nicht abzusehen, dass sich das ändern wird.

Selbst wenn also die Technik einst so weit sein sollte, dass sie echte virtuelle Seligkeit ermöglicht: Will man wirklich in einem Himmel wohnen, der von einem börsennotierten Konzern bereitgestellt wird und in den nur diejenigen Eintritt haben, die sich das auch leisten können? Da doch lieber mal an die frische Luft gehen – ist ja auch schön.

David J. Chalmers: Realität+. Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie. Aus dem Englischen von Björn Brodowski und Jan-Erik Strasser. Suhrkamp 2023, 638 S., € 38,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2023: Paartherapie
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