Phubbing: Handy oder ich?

Mitten im Gespräch die Nachrichten auf dem Handy checken? Yeslam Al-Saggaf liefert eine Einführung in die Psychologie des Phubbing.

Vielleicht ist es uns heute wieder passiert. Wenn nicht heute, dann sicherlich in den letzten Tagen. Denn das sogenannte Phubbing ist mittlerweile allgegenwärtig. Der englische Begriff ist zusammengesetzt aus den Wörtern phone und to snub und bedeutet, jemanden im übertragenen Sinn mit dem Handy vor den Kopf zu stoßen. Oder wie der Autor Yeslam Al-Saggaf es erklärt: Wer phubbt, der ignoriert sein Gegenüber zugunsten seines Smartphones – sei es ein kurzer, flüchtiger Blick oder ein längeres Aussteigen aus dem Gespräch und dem Geschehen um sich herum.

Der Informationswissenschaftler Al-­Saggaf bietet eines der ersten Bücher zu diesem Thema, in dem er seine Leserinnen und Leser zum kritischen Hinterfragen ihres Umgangs mit dem Smartphone motiviert. „Das Ziel ist, das Bewusstsein für die schwerwiegenden Folgen des Phubbing-Verhaltens zu schärfen“, schreibt Al-Saggaf. Mehr noch: Er lädt uns dazu ein, Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen, und ermöglicht uns, Menschen, die uns nahestehen, vor den Folgen des Phubbings zu schützen.

Verkümmerung des Miteinanders

Der international anerkannte Exper­te unternimmt eine eingehende Meta­studie der vorliegenden Untersuchungen und destilliert zentrale Erkenntnisse. Basierend auf amerikanischen und chinesischen Studien, hält er beispielsweise fest: „Elterliches Phubbing kann dazu führen, dass sich Kinder sozial von ihren Eltern entfremdet fühlen.“

In jedem der acht kurzen Kapitel wird deutlich: Je mehr wir phubben, desto mehr entfremden wir uns von Menschen, die wir lieben und mögen. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits vor über einer Dekade warnte etwa die Soziologin Sherry Turkle vor der Verkümmerung des sozialen Miteinanders infolge unseres Umgangs mit Social Media und dem Internet.

Was jedoch neu ist, ist die Vielzahl der konkreten Einsichten aus der Psychologie und Soziologie, die sich im Laufe des letzten Jahrzehnts dank vielseitiger Untersuchungen herauskristallisiert haben. So lässt sich mittlerweile wissenschaftlich nachvollziehen, wie das Phubbing des Partners oder der Partnerin die Symptome einer Depression begünstigen kann – das Problem ist unter anderem mithilfe der „Partner-Phubbing-Skala“ erfassbar.

Bessere Bindung zu unseren Liebsten

Offensichtliches fehlt in Al-Saggafs Buch – etwa die Erklärung der englischen Ursprünge des Begriffs „Phubbing“. Hier hätte der Text nicht nur übersetzt, sondern für die deutschsprachigen Leserinnen und Leser entsprechend ergänzt werden müssen.

Außerdem ist das Buch vom Wunsch des Autors geprägt, sowohl eine Laienleserschaft als auch Fachleute anzusprechen. So kollidieren seitenlange statistische Ausführungen, die wichtig für Fachkundige sind, mit den Alltagsanekdoten, die jedes Kapitel einläuten und die Materie für die nichtwissenschaftliche Leserschaft zugänglicher machen. Aber darüber lässt sich – und lohnt es sich – hinwegzusehen. Denn das Buch fördert einen gesünderen Smartphone­konsum und stärkere Bindungen zu unseren Liebsten.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2024: Aber danach fang ich wirklich an
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