Hinter der Fassade

Menschen, die als resilient bezeichnet werden, sind oftmals gar nicht so widerstandsfähig. Forscher plädieren für eine neue Definition des Begriffs.

Wer Schicksalsschläge oder andere Extremsituationen leicht überwinden kann und sich davon nicht unterkriegen lässt, wird in der Psychologie auch als resilient, also besonders widerstandsfähig bezeichnet. Bisher ging man davon aus, dass die meisten Menschen resilient sind und nach einem traumatischen Ereignis relativ gut weiter funktionieren. Zu Unrecht, wie zwei Forscher jetzt in einer Metaanalyse herausgefunden haben.

Anders als angenommen entspreche es dem Normalzustand, dass sich Menschen nach einem widrigen Ereignis schlecht fühlten. Und es gebe sehr wohl Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die Psychologen werteten 77 Studien erneut aus und stellten fest, dass die meisten Personen nach einem Schicksalsschlag wie etwa dem Verlust des Partners sehr wohl darunter litten. Auch trat eine Phase der Erholung nur allmählich nach einer gewissen Zeit ein.

Resilienz als Prozess der Erholung

Offenbar sei in manchen Studien nicht beachtet worden, dass eine Person nach einem widrigen Ereignis gute Ergebnisse im Job liefern, aber zu Hause in eine Depression verfallen könne. Und hinter einer scheinbar glücklichen Fassade könnten sich auch größere Probleme verbergen, so die Forscher.

Die Psychologen plädieren daher dafür, das Phänomen der Resilienz anders zu definieren. Resilienz sollte nicht als Persönlichkeitseigenschaft verstanden werden, sondern als ein Prozess der Erholung, die unterschiedlich ablaufen könne. Wichtig sei zu verstehen, in welcher Hinsicht und warum sich manche Menschen nach einem widrigen Ereignis leichter und schneller erholten als andere.

Stabiles Umfeld und soziale Kontakte

Außerdem möchten die Psychologen Betroffene davon abhalten, sich selbst die Schuld zu geben: „Es ist uns wichtig zu sagen, dass es normal ist, wenn es jemandem nach einem widrigen Ereignis nicht gut geht.“ Manchmal könne es Monate oder Jahre dauern, bis ein traumatisches Ereignis überwunden werde. Um mit widrigen Umständen umgehen zu lernen, seien vor allem ein stabiles Umfeld und soziale Kontakte wichtig. Aktivitäten mit Freunden, Nachbarn, Verwandten oder anderen Gruppen könnten helfen, wieder Hoffnung und Vertrauen zu fassen.

Frank Infurna, Suniya Luthar: Re-evaluating the notion that resilience is commonplace: A review and distillation of directions for future research, practice, and policy. Clinical Psychology Review 65, 2018. DOI: 10.1016/j.cpr.2018.07.003

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2019: Stille
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