Spieglein, Spieglein

Psychologie nach Zahlen: Vier gute psychologische Gründe, sich selbst ausgiebig ins Antlitz zu schauen.

Eine ältere Frau mit weißem Haar sitzt mit ihrem Hund vor einem großen Spiegel und betrachtet sich ausgiebig
Es gibt gute Gründe, aus psychologischer Sicht, häufiger in den Spiegel zu schauen. © Till Hafenbrak

Er beugt sich zu der glatten Wasseroberfläche hinunter und bewundert sein eigenes Spiegelbild. So hat der Barockmaler Caravaggio die Figur des Narziss aus der griechischen Mythologie eingefangen.

Auch die meisten von uns empfinden beim Anblick des eigenen Abbilds starke Gefühle. Allerdings ist es seltener Bewunderung, denn mehr als die Hälfte aller Deutschen ist mit ihrem Aussehen unzufrieden. Diese Mehrheit schaut selbstkritisch in den Spiegel. Dabei kann gerade der Blick auf das eigene Abbild auf gleich mehrfache Weise förderlich für unser seelisches Wohlbefinden sein, sagt die Psychologie.

1 Selbstberuhigung

Manche Psychologen und Psycho­loginnen nutzen den Spiegel auf besondere Weise: zur Meditation. Die Teilnehmenden solcher Kurse konzentrieren sich rund zehn Minuten lang auf ihr Abbild. „Kommen Ihnen währenddessen wertende und kritisierende Gedanken in den Sinn, schenken Sie ihnen keine Bedeutung und lassen Sie sie ziehen.“ Derart instruierte die amerikanische Psychologin Tara Well, Forscherin am Barnard College in New York, ihre Versuchspersonen. Sie wies nach: Eine solche Spiegelmeditation kann innere Unruhe mildern. „Bei der kontinuierlichen Betrachtung des eigenen Abbilds geht es darum, sich selbst verständnis- und liebevoll zu begegnen“, erklärt Well. „In unsere eigenen Augen und unser Gesicht zu schauen kann die Psychophysiologie tiefgreifend beeinflussen und unsere alltäglichen Belastungen und Stressmomente mildern.“

2 Selbstakzeptanz

Ausgerechnet der Spiegel kann zu einem starken Verbündeten werden, um die ständige Kritik am eigenen Aussehen in den Griff zu bekommen. Dafür zeigten Forschende ihren Testpersonen zunächst auf, dass sie sich beim Blick in den Spiegel oft gewohnheitsmäßig wie ein Objekt wahrnähmen, sich mit anderen verglichen und dadurch häufig negativ beurteilten. Anschließend jedoch drehten sie den Spieß um: Die Frauen und Männer sollten nun in den Spiegel schauen, um beispielsweise einzigartige Züge des eigenen Körpers zu bestimmen – etwa ein besonders breites und dadurch strahlendes Lächeln. Die Rolle dieses strategischen und therapeutischen Einsatzes von Spiegeln haben Teams in mehreren Studien untersucht. Trevor Griffen vom Mount Sinai Hospital in New York hat in einer Metauntersuchung die vorliegenden Arbeiten zusammenfassend ausgewertet und stellte fest: Ein solcher gezielter Blick in den Spiegel kann Menschen dabei helfen, sich selbst und ihr Erscheinungsbild stärker zu akzeptieren und wertzuschätzen. Selbst Menschen mit Essstörungen oder einer Dysmorphophobie – die von dieser Erkrankung Betroffenen nehmen ihr Aus­sehen als abstoßend und entstellt wahr – kommt der therapeutische Einsatz des Spiegels potenziell zugute.

3 Selbstmitgefühl

An der Universität La Sapienza in Rom wurden Freiwillige dazu eingeladen, sich vier mitfühlende Sätze zu überlegen, die sie zu ihren engsten Freunden sagen würden, um sie zu trösten und ihnen Mut zu machen. Anschließend sollten die Versuchspersonen diese kurzen Botschaften vor sich her wiederholen, wobei eine Gruppe dabei in den Spiegel schaute. Auch hier hatte der Spiegel eine deutlich positive Wirkung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bei den aufmunternden Worten ihr Abbild betrachtet hatten, fühlten sich am Ende nicht nur deutlich ruhiger und zufriedener: „Der Spiegel förderte auch das Mitgefühl der Freiwilligen mit sich selbst“, summieren Nicola Petrocchi und seine Kollegen. Das dokumentierten sie auch anhand der körperlichen Reaktion: „Bei jenen, die in den Spiegel schauten, beobachteten wir eine höhere Herzfrequenzvariabilität, wie sie beim Mitgefühl, jedoch nicht generell bei positiven Affekten üblich ist“, schreiben die Forschenden. Tara Well sieht in solchen Beobachtungen eine große Chance: „Der Spiegel kann uns dabei helfen, uns selbst gegenüber dieselben unvoreingenommenen und positiven Gefühle zu entwickeln, wie wir sie gegenüber unseren Liebsten hegen.“

4 Selbstverankerung

Das eigene Abbild zu betrachten fördert ferner das Gefühl des „Ich“. Kinder ab dem Alter von anderthalb bis zwei Jahren erkennen sich im Spiegel und reagieren intensiv auf dieses Erlebnis. Bei Erwachsenen ist das nicht unbedingt anders: „Ein Blick in den Spiegel kann uns in unserem Körper verankern“, schreibt Well. „Besonders in jenen Momenten, in denen wir in Gedanken abschweifen, unkonzentriert und sprunghaft sind.“ Das ist keine neue Einsicht. Bereits vor zwei Jahrzehnten hielten Forschende fest: „Die Fähigkeit des Spiegels, einen sofortigen Zustand verschiedener Formen der Selbstfokussierung herbeizuführen, macht ihn zu einem wertvollen Untersuchungsgegenstand für die psychische Forschung.“ Inzwischen sprechen viele Befunde dafür, dass der Spiegel langfristig eine wertvolle Rolle für unser Wohlbefinden spielen kann. „Die Fähigkeit eines Menschen, beruhigend, ermutigend und mitfühlend mit sich selbst umzugehen, ist mit höherer Resilienz verbunden“, schreiben Petrocchi und sein Team. So kann der Spiegel zu unserer Belastbarkeit beitragen, unter anderem durch die Spiegelmeditation und mitfühlende Monologe vor dem eigenen Abbild. Der flüchtige Blick in den Spiegel mag uns nicht immer gefallen. Doch es lohnt sich, vor dem eigenen Spiegelbild innezuhalten: Der bewusste Blick in die eigenen Augen wirkt selbstbestätigend – statt uns chronisch zu verunsichern, kann er uns langfristig stärken. ■

QUELLEN

Trevor C. Griffen u.a.: Mirror exposure therapy for body image disturbances and eating disorders: A review. Clinical Psychology Review, 65, 2018, 163–174

Nicola Petrocchi u.a.: Compassion at the mirror: Exposure to a mirror increases the efficacy of a self-compassion manipulation in enhancing soothing positive affect and heart rate variability. The Journal of Positive Psychology, 12/6, 2017, 525–536

Jessica Alleva: Shapeshifting: focusing on body functionality to improve body image. Journal of Aesthetic Nursing, 6/6, 2017, 300–301

mirrormeditation.com

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