„Schöne Erinnerungen sind wie ein Seil…“

Psychologie und Literatur: Ein Gespräch mit Helga Schubert über das Erinnern – und welche Rolle dabei eine rotgemusterte Wolldecke spielt.

Die Schriftstellerin und Psychologin Helga Schubert vor einer Blumenhecke
Am liebsten ist Autorin Helga Schubert mit ihren Gedanken im Garten der Großmutter. Es ist ein Ort der Geborgenheit. © Isolde Ohlbaum

Eine Landschaft zum Liebhaben. Von Schwerin aus fährt mich das Taxi auf einer Kastanienallee durch ein offenes, dünn besiedeltes Land mit Wiesen, Mais- und Getreidefeldern. Die Straßen werden enger und noch mal enger, wir weichen einem Traktor und einer Erntemaschine aus, und schließlich hal­ten wir vor einem niedrigen Haus mit Backsteinwand und Klappläden, umgeben von einem ausladenden baumbestandenen Garten. Helga Schubert, 81 Jahre alt, begrüßt mich am Tor und stellt mich drinnen ihrem Mann, dem Maler Johannes Helm vor.

Er sitzt im Rollstuhl. Wir reden ein paar Takte über die Ära Klix in der DDR-Psychologie; Helm selbst war damals Psychologieprofessor an der Humboldt-Universität, von manchem in der linientreuen Institutsleitung misstrauisch beäugt. Helga Schubert hat am Gartentisch Kaffee und Johannesbeerstreuselkuchen angerichtet. Sie erzählt von all den Reportern, Radio- und Kamerateams, die seit dem Überraschungserfolg ihres autobiografischen Erzählungsbuchs Vom Aufstehen in den vergangenen Monaten hier waren. Ich schalte mein Aufnahmegerät ein.

Der erste Satz in Ihrem Buch lautet: „Mein idealer Ort ist eine Erinnerung.“ Welche ist das?

Es ist die Erinnerung an eine Situation von Geborgenheit. Ich hatte von meinem siebenten Lebensjahr an von meiner Mutter die Erlaubnis, in den Sommerferien meine Großmutter zu besuchen. Die beiden Frauen haben sich gegenseitig herabgesetzt. Ich bin also von 1947 an bis zum Abitur immer am ersten Ferientag von Berlin nach Greifswald gefahren, wo meine Großmutter in der Obstbausiedlung einen kleinen Garten hatte. Und dort durfte ich den ganzen Sommer bleiben.

Ich war durchaus gefordert, musste Beeren pflücken, abwiegen und auf dem Markt verkaufen, aber der Nachmittag war frei und ich lag lesend und dösend in der Hängematte im Garten meiner Großmutter. Oft wachte ich dann vom Duft des Kuchens auf, den ihr Freund für uns gebacken hatte, er war…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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