Vergänglichkeitsbewältigung mit Logotherapie

Um Frieden und Sinn zu finden. In sich, im Tun – und in der Welt. Drei neue Bücher von und über Viktor Frankl und seine Logotherapie

Vier Jahre nach einem Weltkrieg. Ein Psychologe beantwortet einen Brief. Er ist Mitte 40. Er verbrachte drei Jahre seines Lebens in Konzentrationslagern. Nach seiner Befreiung erfuhr er: Von seiner Familie hatte außer ihm keiner überlebt. Jetzt, im Jahr 1949, schreibt Viktor Frankl, Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik und auch in Philosophie promoviert: Die „Völker wollen keinen Krieg. Sie wollen keine neue Schlächterei, keine neuen Ruinen und Verwüstungen.“ Seine Epistel endet mit dem Wunsch: „Wir hoffen mit größter Gewissheit, dass überall in der Welt die Kämpfer für den Frieden sich erheben werden.“

Dieser Appell entsprach einem der Signalsätze seiner Logotherapie: „Der Mensch ist nicht frei von seinen Bedingungen, aber frei, wie er sich ihnen gegenüber verhalten will.“ Um Frieden zu finden. In sich. Und in der Welt.

Die eine Menschheit

Frankls neu aufgelegte Stellungnahmen zum Frieden versammelt nun das Bändchen Die eine Menschheit. Der Clou: Den sechs Texten sind Essays von Logotherapeutinnen, Philosophen und Frankl-Leserinnen kontrastiv ergänzend zur Seite gestellt. Was die Lektüre anregend macht – und bestürzend aktuell.

Im Gegensatz zu Sigmund Freud und Alfred Adler war Frankl Teil des medizinisch-psychologischen Establishments. In den 1930er Jahren arbeitete er als Oberarzt, ab Ende der 1940er Jahre war er Professor und Lehrstuhlinhaber an der Universität Wien.

Er war einer der bekanntesten Intellektuellen Österreichs nach 1945, hielt Vorträge an mehr als 200 Hochschulen, ihm wurden 29 Ehrendoktorate verliehen und sein Buch …trotzdem Ja zum Leben sagen ist mit über 16 Millionen verkauften Exemplaren das weltweit wohl populärste psychologische Buch. Weshalb, das zeigen die kurzen Tagesstellungnahmen und Ansprachen. Frankl war ein empathischer Vermittler und Popularisator, stets auf Augenhöhe mit dem anderen, ein eingängiger Erklärer.

Sinn, Freiheit und Verantwortung

Die Texte in dem Band Sinn, Freiheit und Verantwortung umfassen einen Zeitraum von 40 Jahren. „Die Existenzanalyse und die Probleme der Zeit“ ist ein Vortrag, den Frankl 1946 auf einem internationalen Hochschultreffen gehalten hat, ein Beitrag erschien 1955 in einem medizinischen Fachjournal. „Man Alive“ ist ein erstmals transkribiertes und übersetztes Interview, das Frankl 1977 dem TV-Sender CBC (Kanada) gab, „Bewältigung der Vergänglichkeit“ eine Rede, die er 1984 hielt.

In der Einleitung zu dem Band arbeitet der Arzt und Neurowissenschaftler Tobias Esch, der 2016 auf den Lehrstuhl für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke berufen wurde, prägnant Frankls Leitfragen heraus. Die erste lautet: Wie geht der Mensch mit seiner Sterblichkeit um? Und wie können wir angesichts des leiblichen Verlöschens trotzdem Sinn im Leben finden?

Frankl, ein einfallsreicher Stilist, fand dafür den Begriff der „Vergänglichkeitsbewältigung“. Der eigentliche Ursinn sei nicht in der Zukunft zu verorten, sondern in der Gegenwart. Das jetzt Geschaffene, die eigentliche „Realisation von uns“, wie Esch schreibt, ist jene Manifestation, die das Morgen durchs Heute prägt. Diese Manifestation ist niemandem mehr zu nehmen. Somit entsteht Sinn in Permanenz – durch reines Leben, durch die Transformation der Zeit und der Körperlichkeit.

Die zweite Leitfrage Frankls lautet: Was genau verschafft unserem Leben Bedeutsamkeit und Sinnhaftigkeit? Die Antwort darauf ist dreifaltig: Der Sinn entsteht durch Aufgaben und Arbeit, durch Liebe und Geliebtwerden, durch das Über-sich-Hinauswachsen in Krisen. Frankl betont dabei die überragende Rolle des Wir, von ihm „Selbst-Trans­zendenz“ getauft. Zudem attestierte Frankl damals schon eine „Zeitkrankheit“, heutzutage Burnout. Dieser Band ist ein guter Einstieg in Frankls Denken, da die Texte überaus verständlich sind.

Sinnstiftende Wirkung

Frankls Befund, dass das Individuum in der Konsumgesellschaft massiv und radikal, von der Wurzel her unterfordert sei, entspricht nun gar nicht die jüngste Gesamtanalyse seines uvres durch die israelische Logotherapeutin Teria Shantall. Deren Titel lautet: Die sinnstiftende Wirkung der Logotherapie von Viktor Frankl. Die zwölfteilige Kapitelfolge ist stark unterteilt. Sie beginnt mit einer Definition der Logotherapie Frankls, geht dann von den Stufen des menschlichen Zustands zu Sinnkrisen und Problemlösungswegen und endet mit dem Funktionieren der „transformativen Kraft des Sinns“, mit Psychopathologie, Lebensschicksal und Entfaltung.

Das ist kundig, erhellend, hie und da ob eines sacht spirituell überzuckerten Duktus ein wenig enervierend. Doch die Feindifferenzierung in viele kurze Abschnitte erhöht den praktischen Wert dieses Bandes, seinen Such- und Nachlesecharakter. Shantall versteht es, mit leichter Hand – manchmal als Parabel, manchmal als Anekdote – Erkenntnisse, Einsichten, Anregungen zu vermitteln.

Viktor E. Frankl: Die eine Menschheit. Appelle für den Frieden. Mit einem Vorwort von Wolfgang Schüssel. ­Benevento 2023, 176 S., € 24,–

Viktor E. Frankl: Sinn, Freiheit und Verantwortung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Tobias Esch. Beltz 2023, 168 S., € 18,–

Teria Shantall: Die sinnstiftende Wirkung der Logotherapie von Viktor Frankl. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. David Guttmann. Springer 2023, 336 S., € 59,99

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