Vier Gelegenheiten für einen Schwatz zwischendurch

Psychologie nach Zahlen: „Warum nicht kurz plaudern?“ Vier Gelegenheiten für Alltagsbegegnungen, die uns glücklich machen.

Die Illustration zeigt zwei Frauen, die sich unterhalten, während ihre zwei Hunde an der Hundeleine um sie herumlaufen und sie aneinander binden
Hunde fungieren als Eisbrecher. Ein kurzer Austausch über den tierischen besten Freund ist interessant - und macht glücklich. © Till Hafenbrak für Psychologie Heute

Zufällige Begegnungen schreiben Geschichte. Paul McCartney und John Len­non lernten sich bei einem Gartenfest der Kirchengemeinde kennen. Susan Anthony und Elizabeth Stanton, die zwei führenden Köpfe der amerikanischen Frauenwahlrechtsbewegung, begegneten einander an einer Straßenecke in dem amerikanischen Örtchen Seneca Falls.

Doch auch unsere ganz gewöhnlichen Alltagsbegegnungen, die in der Welt keinerlei erkennbare Spuren hinterlassen, sind wertvoll. Denn sie stärken unser Zugehörigkeitsgefühl und fördern unser Wohlbefinden. Das beobachten Forschende bereits seit rund einem halben Jahrhundert. Dabei haben sie alltägliche Gelegenheiten identifiziert, die besonders häufig schöne Momente für Begegnungen bereithalten. Hier sind vier von ihnen:

1 Im Friseursalon

Im Friseursalon gibt es mehr als einen neuen Haarschnitt und viel Smalltalk. Die körperliche Nähe, die Konzentration der Friseurin oder des Friseurs auf uns als Person, das aufmerksame Zuhören: Diese Kombination wirkt überraschend wohltuend. Das gilt unabhängig vom Geschlecht. Denn auch Männer genießen die Besuche im Barbershop, wie in amerikanischen und britischen Untersuchungen mithilfe von Fragebögen und Interviews ermittelt wurde.

„Mitarbeitende von Barbershops und Friseursalons finden sich häufig in der Rolle einer Bezugsperson wieder“, beobachtete der amerikanische Psychologe Emory Cowen bereits in den 1970ern. „Die persönlichen Probleme, von denen die Friseurinnen und Friseure hören, sind fast so vielfältig wie die, mit denen Fachleute der psychischen Gesundheit zu tun haben.“

Im Friseursalon und Barbershop sprechen wir nicht nur offen über das ein oder andere Problem. Wir verstellen uns auch seltener als anderswo. Und genau das scheint uns so gutzutun: Beim Haareschneiden und Barttrimmen können wir schlicht wir selbst sein – mitsamt unseren Sorgen. Wir fühlen uns dabei authentisch. Kein Wunder, dass Befragte im Vereinigten Königreich angaben, ihre Beziehung zu ihrem Lieblingsfriseur oder ihrer Lieblingsfriseurin gehöre für sie zu den zehn wichtigsten in ihrem Alltag.

2 Beim Gassigehen

Beim Gassigehen kommen wir deutlich häufiger mit Fremden in ein angenehmes Gespräch, als wenn wir allein spazieren gehen. Auf fünf Tage verteilt, dokumentierte die britische Forscherin June McNicholas erstaunliche 65 Gespräche mit Fremden, wenn der vierbeinige Gefährte mit von der Partie war – fast dreimal so viele, als wenn er daheimblieb.

„Hunde fungieren als soziale Eisbrecher und helfen Menschen auf diese Weise, ins Gespräch zu kommen“, sagt McNicholas. Diese Begegnungen tun gut, sie tragen dazu bei, vom Alltagsstress abzuschalten. Denn als Gesprächsstoff ist der Hund weder kontrovers noch polarisierend. Den spielenden Hunden zuzuschauen und einander Hundeanekdoten zu erzählen bringt selbst Fremde dazu, zusammen zu lachen. Der gemeinsame Moment der Freude baut Stresshormone ab und hebt nicht nur für den Augenblick die Laune. Auch daran sieht man laut McNicholas, dass wir Menschen im Grunde viel geselliger sind, als wir voneinander annehmen.

Allerdings spiele dabei eine wichtige Rolle, dass auch der Hund die Situation genießt. Hat er sichtlich gerne mit der unbekannten Person zu tun, haben auch Herrchen und Frauchen entsprechend mehr von der Begegnung. Einige Befragte in einer britischen Studie berichteten gar von Glücksgefühlen in derlei Konstellationen. Im Vereinigten Königreich hat denn auch rund jede und jeder Dritte einen Hund – in Deutschland ist es nur jede achte Person.

3 Im Café

Zeit ist Geld. Aber die Effizienz und das gewaltige Tempo der freien Marktwirtschaft gehen zulasten unserer Zufriedenheit und unserer sozialen Kontakte. Jedenfalls vermuteten das Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn, seinerzeit beide an der University of British Columbia in Kanada. In Zusammenarbeit mit einem lokalen Café unternahmen sie ein Experiment: Die Baristas hinter der Theke sollten die Kunden und Kundinnen entweder so rasch wie möglich und mit minimaler Interaktion abfertigen – oder aber ein paar Momente innehalten und konzentriert mit ihnen plaudern. Bei dem Austausch über die Ladentheke zog zwar die Effizienz den Kürzeren – doch zugunsten des psychischen Wohlbefindens: „Am Ende berichteten all jene, die ein paar Momente länger an der Theke verweilt und geplaudert hatten, von besserer Laune und einem stärkeren Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinschaft“, so die beiden Forscherinnen.

So lästig Smalltalk uns manchmal erscheint, so wohltuend und mitreißend kann er gerade im Café sein. Die psychologische Forschung stellt immer wieder fest, dass uns nicht nur der Austausch mit der Familie, den Verwandten oder dem Freundeskreis zufrieden und glücklich macht. Die sogenannten schwachen sozialen Bindungen, zu denen Bekannte, aber auch Fremde zählen, sind ebenfalls in der Lage, für einen Moment Gefühle des Glücks in uns auszulösen.

4 In der U-Bahn

„Wer täglich mit der überfüllten U-Bahn zur Arbeit fährt, hat viel Zeit, sich allein zu fühlen“, witzeln Nicholas Epley und sein Team. Die Forschenden aus Chicago teilten Freiwillige in zwei Gruppen ein: Die einen sollten beim Warten auf die U-Bahn während der täglichen Fahrt zur Arbeit bewusst das Gespräch mit Menschen in ihrer Umgebung suchen. Die anderen sollten ihre Mitmenschen ignorieren. Die Freiwilligen in der gesprächigen Gruppe fühlten sich am Ende durchweg glücklicher. Gerade am Morgen und vor der Arbeit wirkte der Plausch mit Fremden belebend und energetisierend.

„Der Kontakt zu anderen Menschen steigert unser Glücksgefühl, dennoch ignorieren Fremde in unmittelbarer Nähe einander regelmäßig“, so die Forschenden. Sie stellten sich die Frage: Wenn uns die kleinen Alltagsbegegnungen zufrieden oder gar glücklich machen, wieso vergraben wir unsere Aufmerksamkeit dann lieber in unsere Handys oder setzen die Kopfhörer auf, um die Menschen in unserer Umgebung auszublenden? „Unsere Befragung zeigt, dass Menschen grundlegend unterschätzen, wie viel Vergnügen ihnen ein Gespräch mit Fremden bereiten würde“, so die Antwort. Der Mensch ist eine soziale Spezies, erinnert das Team. Wer dies vergesse, tue es auf Kosten seines eigenen Wohlbefindens.

Diese Vermutung wird von einer türkischen Studie gestützt: Gul Gunaydin und ihr Team befragten Buspendler in der Türkei. Sie fanden heraus, dass diejenigen, die regelmäßig mit der Fahrerin oder dem Fahrer plauderten, von einer positiveren Stimmung und mehr Zufriedenheit im Alltag berichteten.

Quelle

Andy Field: Encounterism. The neglected joys of being in person. September Publishing 2023

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