Massive Verbreitung

Verschwörungsgeschichten über das Coronavirus sind zurzeit besonders häufig - und schädlich, zeigt eine neue sozialpsychologische Studie.

Geschichten von Verschwörungen tauchen bei neuen und noch nicht beherrschbaren Pandemien seit jeher vermehrt auf, so auch in der Coronakrise. Wie die Sozialpsychologin Pia Lamberty von der Universität Mainz sagt, gebe es derzeit einen extremen Zulauf zu solchen Narrativen. Womöglich befeuere die Coronakrise den Glauben an Verschwörungserzählungen, meint Lamberty. Sie werden über alle viel genutzten Kanäle wie Google, YouTube, Facebook, WhatsApp oder Telegram stark verbreitet und geteilt. Und seien problematisch, ergänzt die Forscherin. 

Vor allem könne dies bei vielen Usern die Neigung verstärken, die von der Politik vorgegebenen Schutzmaßnahmen abzulehnen und sich auf eigene Weise zu „schützen“, etwa Lebensmittel zu horten, stellten Pia Lamberty und ihre Kollegen in drei aktuellen Studien fest. Um den Zusammenhang von Verschwörungserzählungen rund um Corona und Pandemie-bezogenem Verhalten zu prüfen, konfrontierten die Psychologen insgesamt rund 1.000 Teilnehmer aus Deutschland, Großbritannien und den USA mit zwei Arten von Verschwörungserzählungen über das Coronavirus, wie sie derzeit häufig kursieren. Beide Arten verstärkten die Neigung, sich nicht an die derzeit vorgegebenen Regeln zu Abstand und Hygiene zu halten – und sich stattdessen auf andere Weise zu „schützen“, etwa Lebensmittel zu horten – nur nicht so, wie es die „mächtigen Verschwörer“ es vorgeben. 

In einem der Szenarien, die die Probanden lasen, wurde berichtet, das Virus sei in Wirklichkeit eine Biowaffe und gezielt von geheimen Mächten produziert worden, erläutert Lamberty. In dem anderen hieß es, die Gefahr durch das Coronavirus werde von Politikern („die da oben“) oder Wissenschaftlern, absichtlich übertrieben – um das politisch nutzen für sich nutzen zu können auf Kosten der Bevölkerung. 

Gefühl von Kontrollverlust

Die starke Verbreitung der Erzählungen führt offenbar auch dazu, dass sich plötzlich Menschen zu Verschwörungsgeschichten hingezogen fühlten, die bisher mit diesem Thema nichts zu tun hatten, berichtet Lamberty. Diese Vermutung sollte aus Sicht der Forscherin zu einem späteren Zeitpunkt empirisch erhärtet werden. Sie erhalte jedoch eine Vielzahl entsprechender Berichte. Die Krise löse ein starkes Gefühl von Kontrollverlust aus, was manche dafür anfällig mache. In den Erzählungen fänden sie Halt und könnten das Gefühl der Hilflosigkeit kompensieren.

Verschwörungsgeschichten zum Coronavirus im Internet zu erkennen, ist nicht banal, erklärt Lamberty. Manche seien so abstrus, dass es leichtfalle. Wenn es beispielsweise heißt, dass die Pandemie bereits in einem Asterix-Comic angekündigt wurde. Vorsichtig sollte man werden, wenn es heiße, etwas sei im Fernsehen berichtet worden, aber kein Link eingefügt sei. Außerdem könne man auf einschlägige Quellen achten wie etwa „Compact“ aus der rechten Szene. Schwierig werde es, wenn Links zu Studien angegeben seien. Diese dann zu prüfen, sei für die meisten Fachfremden kaum möglich. An dieser Stelle, meint Pia Lamberty, sei die ganze Gesellschaft gefragt, ihren Umgang mit Wissen jetzt noch tiefer zu reflektieren und zu fragen, welches Wissen warum als gesichert gelten könne.  

Argumentieren nützt meistens nichts

Schwierig wird es für Angehörige oft, wenn überraschend Bekannte oder Verwandte auf einen merkwürdigen Blogbeitrag verweisen oder davon berichten, dass das Virus in Laboren entstanden sei. Dann sollte man sich überlegen, wie gut man die Person kennt und ob die Ideologie für sie eine bestimmte psychologische Funktion haben könnte, also einen Wunsch nach Einzigartigkeit oder Zugehörigkeit erfülle. Seien Neigungen zu Verschwörungsdenken bekannt und die Person diesem Denken verhaftet, lasse sich das schnell einordnen. Dagegen zu argumentieren führe meist nicht weiter – entweder man gelte als naiv, weil angeblich ahnungslos oder werde in den Augen des Anderen Teil der vermeintlichen Verschwörung.

In den neuen Narrativen zum Coronavirus finden sich prinzipiell dieselben Muster wie in den klassischen: Darin kommen Personen oder ganze Gruppen vor, die von Erzählern und Rezipienten als übermächtig wahrgenommen werden und „die Bösen“ sind, also schuld am Unglück vieler. Außerdem glauben Menschen, die zu Verschwörungsdenken neigen, dass ein großes Ereignis wie die Coronakrise zwingend auch eine „große Ursache“ haben müsse. Die Erzählungen vermittelten ihnen ein Gefühl, über geheimes Wissen zu verfügen, was ein Gefühl der Einzigartigkeit auslöse, erklärt Pia Lamberty.

Roland Imhoff, Pia Lamberty: A bioweapon or a hoax? The link between distinct conspiracy beliefs about the Coronavirus disease (COVID-19) outbreak and pandemic behavior. Preprint of manuscript under review. https://psyarxiv.com/ye3ma/

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