Für eine Kultur des Zweifelns

Der Neuropsychiater Boris Cyrulnik geht der Frage nach: Warum unterliegen manche Menschen einem totalitären Herrscher und andere denken selbstständig?

1937 in Bordeaux geboren, die Eltern von den Nazis ermordet, mit sieben Jahren von deutschen Soldaten festgenommen, zum Tod verurteilt, geflohen – und als Erwachsener ein international anerkannter Neuropsychiater geworden. Boris Cyrulnik hat mit 85 Jahren ein sehr persönliches Buch geschrieben. Im Zentrum die Frage: Was lässt Menschen totalitären Führern erliegen, fanatisch werden, morden? Was lässt andere widerstehen?

Soldaten werden zu netten Bauern

Cyrulnik liefert keine einfache Antwort. Er widersetzt sich dem Bedürfnis, beim Lesen in eine schlüssige Argumentation zu gleiten, an deren Ende wir aufatmend sagen können: Ach, so ist es, das ist die Antwort. Das Buch wirbelt vielmehr assoziativ das eigene Denken auf und lässt einen am Ende nachdenklich zurück.

Es beginnt damit, dass der Autor am Ende des Zweiten Weltkriegs sah, wie sich deutsche Soldaten in nette Bauern verwandelten, die in den Weinbergen halfen. Noch ein Jahr zuvor hatten ihn Soldaten mit vielen anderen in eine Synagoge eingesperrt und umbringen wollen. Er überlebte unter der Matratze einer blutenden Frau. Wenn Cyrulnik nach dem Krieg seine Geschichte erzählte, lachten ihn die Erwachsenen aus. Erst als sich Frankreich in den 1980er Jahren der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis stellte, konnte er offen sprechen. Als Kind hatte der Autor gelernt, wer Feind ist, wer Freund, wem man vertrauen kann, wem man misstrauen soll. Daher sein Erstaunen über die Freundlichkeit der Soldaten nach dem Krieg.

Kinder, schreibt Cyrulnik, tauchen leicht in totalitäre Diskurse ein, wenn die Thesen von den Menschen stammen, die sie beschützen. Mangelt es ihnen an Geborgenheit und Schutz, klammern sie sich leicht an jede Geschichte, die sie beruhigt. Älter geworden schützen sie sich vor Einsamkeit durch Zugehörigkeit, vor Unsicherheit durch Glauben. Sie heulen mit den Wölfen und werden dabei leicht selbst zum Wolf, zu Automaten mit erstarrten Gefühlen.

Für eine Kultur des Zweifelns

Cyrulniks Buch kreist um die Verbrechen des Nationalsozialismus und greift von dort in die Gegenwart aus, wenn er über Kinder nachdenkt, die zu Attentätern gemacht werden, oder die Schamlosigkeit derer anprangert, die sich einen gelben Stern „Ungeimpft“ anheften, als würden sie gleich von der Gestapo abgeholt.

Das Buch ist ein großes Plädoyer für eine Kultur des Zweifelns: gegen ein Denken in einfachen Schablonen, gegen die Verlockung der Geborgenheit in Gruppen, die sich bequem in ihren festen gemeinsamen Meinungen einnisten. Und es ist ein Plädoyer dafür, die Wirklichkeit besser zu machen, die unser Handeln prägt. Vor allem für Kinder ein sicheres Umfeld zu schaffen, das ihre Entdeckerfreude nährt und sie vor der Leichtfertigkeit des Glaubens schützt.

Boris Cyrulnik: Die mit den Wölfen heulen. Warum Menschen der totalitären Versuchung so schwer widerstehen können. Aus dem Französischen von Reiner Pfleiderer und Franck Traps. Droemer 2023, 240 S., € 24,–

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