„Ich ess jetzt mal nichts“

Fasten ist wieder modern. Vor allem im medizinischen Bereich entdecken Forscher die positiven Aspekte des Nahrungsverzichts. Doch bei welchen Krankheiten hilft Fasten? Welche Auswirkungen hat es auf unseren Körper und auf unsere Psyche? Und: Was ist aus der spirituellen Dimension geworden?

„Ich ess jetzt mal nichts“

Fasten ist wieder modern. Vor allem im medizinischen Bereich entdecken Forscher die positiven Aspekte des Nahrungsverzichts. Doch bei welchen Krankheiten hilft Fasten? Welche Auswirkungen hat es auf unseren Körper und auf unsere Psyche? Und: Was ist aus der spirituellen Dimension geworden?

Bald beginnt sie wieder, die Fastenzeit. Pünktlich am 1. März, an Aschermittwoch, ist es dieses Jahr für Christen so weit, am 27. Mai für Muslime. Das Wissen darüber, dass der freiwillige Nahrungsverzicht auf Zeit erstaunliche Heileffekte für Körper, Geist und Psyche hat, ist seit Jahrtausenden in allen Kulturen verbreitet. Alle traditionellen Medizinformen nutzen den zeitweisen Verzicht auf Essen als Reinigungstherapie, um den Körper zu entgiften, das Gemüt aufzuhellen und den Geist zu klären. „Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente“, empfahl schon Hippokrates im vierten Jahrhundert vor Christus. Fastenperioden gibt es in allen Weltreligionen und auch im Schamanismus. Ursprünglich war Fasten ein spirituelles Ritual, eine radikale Form der Begegnung mit sich selbst und Gott. Von allen großen Religionsstiftern ist eine lange Fastenzeit überliefert. Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde. Moses stieg auf den Berg Sinai und fastete 40 Tage, Jesus zog sich 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück. Buddha gelangte durch eine extreme Fastenperiode, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte, zur Erkenntnis des „mittleren Weges“, der heute noch richtungsweisend im Buddhismus ist. Er empfahl eine gute Balance zwischen Askese und Völlerei.

Fasten hat einen Anti-Aging-Effekt

Im Christentum hat sich eine abgespeckte Version des Fastens gehalten. Wobei Fasten streng genommen heißt, ohne feste Nahrung auszukommen. Nicht jeder Verzicht ist also gleichbedeutend mit Fasten. Über die Jahrhunderte wurden die Regeln immer weiter reduziert. Es wird zwar alle Jahre wieder dazu aufgefordert, von Aschermittwoch bis Ostersamstag auf Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten und andere lieb gewonnene und schädliche Genussmittel zu verzichten, doch die wenigsten halten sich daran.

Während der religiös motivierte Verzicht auf Essen in Deutschland keine große Rolle mehr spielt, ist das medizinische Fasten wieder in Mode gekommen. Unter führenden Forschern herrscht eine regelrechte Fasteneuphorie, beflügelt durch neue Erkenntnisse. Vor allem bei Patienten mit chronischen Schmerzen, Rheumatikern und Übergewichtigen, bei denen Blutdruck und Zuckerhaushalt bedrohlich aus dem Lot sind, erreichen die Mediziner mit Fasten beeindruckende Ergebnisse. Der Blutdruck sinkt während des Fastens sogar stärker als beispielsweise durch Medikamente wie Betablocker oder ACE-Hemmer. Der Zuckerspiegel verbessert sich. Fasten hilft möglicherweise auch bei multipler Sklerose, bei chronischen Hauterkrankungen wie Schuppenflechte und Neurodermitis sowie Magen-Darm-Erkrankungen und Diabetes Typ 2.

Neuere tierexperimentelle Studien lassen zudem vermuten, dass Heilfasten bis zu einem gewissen Grad die Wahrscheinlichkeit, an Demenz oder Alzheimer zu erkranken, senkt. Ebenfalls in der wissenschaftlichen Abklärung ist die Hypothese, dass 72-stündiges Fasten vor und während einer Chemotherapie vor den Nebenwirkungen schützt, weil die gesunden Körperzellen bei Nahrungsentzug in einen Energiesparmodus schalten, der sie resistent macht gegen Gifte.

Molekularbiologisch lassen sich die heilsamen Effekte des Fastens unter anderem mit dem Mechanismus der Autophagie erklären, eines Abbau- und Recyclingprozesses in den Zellen. Autophagie bedeutet wörtlich „Selbstfressen“. Geschädigte oder funktionslose Proteine werden verdaut und recycelt. Ohne diesen Mechanismus würden die Müllsäcke unserer Zellen überquellen. Durch den Selbstreinigungsprozess werden auch Viren und Bakterien bekämpft. Fasten befeuert diesen natürlichen Prozess, hilft den Zellen bei der Reinigungskur und hat deshalb auch einen Anti-Aging-Effekt.

Und Fasten kann eine Initialzündung sein, einen ungesunden Lebensstil wieder ins Lot zu bringen und positiv zu verändern. Die populärste Methode des Heilfastens ist die Buchinger-Methode, entwickelt von Otto Buchinger, der Anfang des Jahrhunderts sein schweres Rheuma im Selbstversuch mit Fasten heilte und fortan von „der stärksten aller Kuren“ sprach. Seine Methode sieht vor, dass die Fastenden nach zwei Entlastungstagen täglich nur 300 Kilokalorien zu sich nehmen, mittags eine Gemüsebrühe löffeln, abends ein Glas Fruchtsaft trinken und den Rest des Tages reichlich Mineralwasser und Früchtetee. Idealerweise sieben oder 14 Tage unter ärztlicher Aufsicht in einer Gruppe.

Während es bei einer Fastentherapie in der Klinik darum geht, den Blutdruck oder hohe Cholesterinwerte zu senken oder rheumatische Beschwerden zu lindern, dient eine Fastenwoche für Gesunde vor allem der Prävention. Die Angst, an quälenden Hungergefühlen zu leiden, die viele davon abhält, sich ins Abenteuer Fasten zu stürzen, ist unbegründet. Tatsächlich verfliegt das Hungergefühl schnell, wenn der Bauch nach der Darmreinigung durch Glaubersalz oder Sauerkrautsaft keine Notsignale mehr an das Gehirn funkt. Das kann die Autorin dieser Zeilen nach einem Selbstversuch unter erschwerten Bedingungen allein in einer Arbeitswoche bestätigen.

Allerdings ist Fasten keine Wellnesskur, wie Françoise Wilhelmi de Toledo, Leiterin der Buchingerklinik in Überlingen am Bodensee, in allen Interviews betont. Der Körper braucht Zeit, um von der äußeren auf innere Ernährung umzuschalten. Die gesamte Physiologie gerät durcheinander, an den ersten beiden Tagen bedeutet das Hochstress für den Organismus. Kopfschmerzen, ausgelöst durch den Entzug von Koffein, dumpfe Müdigkeit, Schwächegefühle, düstere Gedanken, quälende Fantasien von dampfenden Tellern mit Pasta und Schokotorte und die Frage, was diese Selbstkasteiung soll, kennen fast alle, die sich dem Fastenregime unterwerfen. Doch die gute Nachricht ist, dass der Organismus sich nicht neu erfinden muss, sondern ein ihm seit Jahrtausenden bekanntes inneres Programm aktiviert, das in den Genen gespeichert ist.

Fasten ist eine Provokation für unseren Coffee-to-go-Lebensstil

Bereits nach 15 Stunden ohne Nahrung schaltet der Körper um auf ein biochemisches Notprogramm, anstelle von Glukose versorgen jetzt andere Brennstoffe, Ketone genannt, Herz und Hirn mit Energie. Nach spätestens drei Tagen sorgt der Keton-Stoffwechsel bei den meisten für gute Gefühle. „Fasten bedeutet, den Reset-Knopf zu drücken. Wenn wir für einige Tage auf Nahrung verzichten, begeben wir uns wieder in den idealen Regulationsbereich des Körpers“, erklärt Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel-Krankenhaus Berlin und Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der Berliner Charité. Dass weniger essen gut ist für den Organismus und für unsere Stimmung und es ideal wäre, zwischen den Mahlzeiten lange Pausen zu machen und regelmäßig Entlastungstage einzulegen, daran zweifelt heute kein Mediziner mehr, der den Forschungsstand kennt.

Doch die Crux ist der Transfer in den Alltag. Allein der Gedanke an Fasten ist eine Provokation für unseren Coffee-to-go-und-Sandwich-am-Schreibtisch-Lebensstil und unsere Schlaraffenlandmentalität, die keinen Essensrhythmus mehr kennt und auch keine Ess- und Trinkpausen vorsieht, stattdessen kulinarische Befriedigung rund um die Uhr. „Unsere Großeltern haben dreimal am Tag gegessen, es gab keine Zwischenmahlzeiten. Wenn man heute in einer europäischen Großstadt unterwegs ist, sieht man, dass die Leute ständig an irgendetwas knabbern oder süße Getränke zu sich nehmen“, sagt Andreas Michalsen. Fasten sei ein Gegenprogramm zur Dauerverfügbarkeit leiblicher Genüsse und erfordere Selbstdisziplin, Entschlusskraft und Mut, vorübergehend aus festen Strukturen und Gewohnheiten auszusteigen. Zum Beispiel aus dem Automatismus, sich nach einem harten Arbeitstag mit einem üppigen Essen und zwei Gläsern Rotwein zu belohnen oder bei einem kleinen Anflug von Niedergeschlagenheit wie ferngesteuert zur Keksdose zu greifen.

Wer sich zum Nahrungsverzicht durchringt, braucht auch ein dickes Fell gegen die aufmunternden Kommentare der Umwelt. „Ich könnte niemals so lange ohne Essen leben.“ „Das ist doch sicher gefährlich.“ „Bekommen wir jetzt bei dir nur noch Gemüsebrühe?“ Doch die Entschlusskraft, allen Einwänden zu trotzen und sich als Spaßbremse beschimpfen zu lassen, wird belohnt. „Fasten spiegelt einem die Abhängigkeit von Kaffee, Alkohol und fetten, süßen und salzigen Snacks, die nachweislich Suchtpotenzial haben. Aber wenn man dann merkt, dass es auch ohne geht, ist das eine befreiende Erfahrung“, weiß Andreas Michalsen aus eigenem Erleben und zahlreichen Gesprächen mit Patienten. Auch dass man sich während einer Fastenwoche nicht ständig mit Einkaufen, Kochen und Essen beschäftigen muss, erleben viele als entlastend oder sogar als beglückend. Die Energie, die sonst durch Essen und Verdauung gebunden ist, wird frei. Viele berichten von einer gesteigerten Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und Kreativitätsschüben.

„Fasten erhöht die Selbstwirksamkeit. Zu merken, dass man auf etwas verzichten kann, was einem normalerweise unverzichtbar erscheint, stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und verschiebt Grenzen, die man vorher für unverrückbar hielt.“ Einerseits begrüßt Michalsen den gegenwärtigen Hype um die beeindruckenden medizinischen Effekte des Fastens, weil er einem Forschungsthema, das lange belächelt wurde, Auftrieb gibt und die Chance erhöht, Gelder lockerzumachen für große klinische Langzeitstudien. Andererseits bedauert er, dass der mentale, psychische und spirituelle Aspekt des Fastens in den Hintergrund rückt. Natürlich könne man auch ausschließlich fasten, um seiner ungesunden Neigung zu Pommes und Currywurst Einhalt zu gebieten und den Blutdruck zu senken. „Man muss sich nicht zwangsläufig für die spirituelle Dimension des Fastens öffnen. Es geht auch ohne. Aber warum nicht das ganze Paket abholen?“

Für ihn hat Fasten deshalb eine spirituelle Dimension, weil Fastende die fest zementierten Alltagsgewohnheiten durchbrechen und sich für einige Tage vom Zwang, ständig Nahrung nachschieben zu müssen, befreien und sich so bis zu einem gewissen Grad aus der Versklavung durch den Körper lösen. Dass der Weg zu grenzüberschreitenden Erfahrungen über Verzicht führt, ist für viele anfangs harte Kost und schwer verdaulich.

Seelische Aspekte kommen oft zu kurz

Der kurdische Psychologe und Psychotherapeut Zaza Yurtsever buchte seine erste Fastenwoche aus professionellem Interesse und aus Neugier. Inspiriert durch eine Arte-Dokumentation, in der unter anderem über die eindrucksvollen antidepressiven Effekte des Fastens bei russischen Psychiatriepatienten berichtet wurde, wollte er am eigenen Leib erfahren, wie es ist, sieben Tage lang nur Gemüsebrühe, Wasser und Kräutertee zu sich zu nehmen. Außerdem wollte er testen, ob an der viel beschworenen Fasteneuphorie, die sich am dritten Tag ohne Essen einstellen soll, etwas dran ist. Und tatsächlich: Sein Körper produzierte, nachdem er den ersten Schock über das Fehlen der Nahrungszufuhr überwunden hatte, Serotonin in rauen Mengen. „Das Hochgefühl war natürlich sehr angenehm, aber entscheidend war für mich, zu merken, dass weniger mehr ist.“

Diese Erfahrung war für ihn so tiefgreifend, dass Yurtsever, als er wieder zu Hause in Berlin war, das Fasten mit anderen Mitteln fortsetzte. Er gab 500 Bücher weg, trennte sich von allen Romanen bis auf die seiner Lieblingsautoren und behielt nur die Fachbücher, die er weiter für seine Arbeit braucht. Als Nächstes inspizierte er seinen Kleiderschrank, gab alle Hosen und Hemden weg, die ihm überflüssig erschienen. Später verschenkte er beim Umzug von Berlin nach Istanbul einen Großteil seiner Möbel an Freunde und Verwandte.

Der Psychologe, der in Deutschland studiert, mehrere Jahre in deutschen Kliniken gearbeitet hat und heute wieder in Istanbul lebt, ließ sich zum Fastenbegleiter ausbilden. Neben seiner psychotherapeutischen Arbeit leitet er regelmäßig Fastenseminare in der Türkei und in Deutschland. Seiner Meinung nach werde bei Fastenkuren vielerorts die Gewichtsreduktion zu stark betont, und die seelische Ebene komme zu kurz.

„Wir werden täglich zum Konsum manipuliert und glauben, dass wir uns umso besser fühlen, je mehr wir essen, kaufen, reisen und konsumieren. Deshalb wirkt Verzicht zunächst unattraktiv. Doch wer einmal erlebt hat, dass Verzicht die psychische und körperliche Gesundheit stabilisiert, ist oft motiviert, auch in anderen Lebensbereichen aufzuräumen.“

Regelmäßiges Fasten kann ein Korrektiv sein für einen Lebensstil, der Körper und Psyche belastet durch zu viel Essen, zu viel Konsum, zu viele Termine, zu wenig Bewegung, zu wenig Stille und Innenschau. Yurtsever hält Fasten für eine gute Ergänzung zur Psychotherapie und verzichtet selbst im Frühjahr und im Herbst jeweils eine Woche lang auf feste Nahrung.

Natürlich hat auch Fasten wie jede Methode, die übertrieben wird, Risiken und Nebenwirkungen. Wer sehr labil ist, gerade eine schwere Krankheit überwunden hat oder unter einer Essstörung leidet, sollte auf keinen Fall fasten. Kritiker des Fastens monieren, dass die beeindruckenden medizinischen Ergebnisse überwiegend aus Tierversuchen und Kurzzeitstudien stammen und großangelegte klinische Langzeitstudien fehlen. Doch daran, dass es heilsam ist, einen übervollen Magen und ein überfülltes Leben regelmäßig zu entlasten und sich auf das Wesentliche zu beschränken, besteht kein Zweifel.

„Fasten gehört für mich zur Erwachsenenbildung“

Der Internist und Fastenexperte Hellmut Lützner berichtet im Interview über seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Methode des Fastens – und erklärt, was man dabei beachten sollte

In Ihrem Bestseller Wie neugeboren durch Fasten schreiben Sie, dass jeder Mensch wenigstens einmal im Leben gefastet haben sollte. Warum?

Weil es ein ganz besonderes Erlebnis für Körper, Geist und Seele ist und es ein Jammer wäre, darauf zu verzichten. Das Wichtigste ist die großartige Erfahrung, dass Fasten nichts mit Hungern zu tun hat. Doch es nutzt nichts, das in einem Buch zu lesen. Sie müssen es wirklich erleben. Wenn Sie wissen, dass Sie auch ohne Nahrung eine ganze Weile aus Ihren eigenen Reserven weiterleben können und Ihr Körper extrem kompetent und leistungsfähig ist, gewinnen Sie eine ganz neue Souveränität und Stabilität. Viele Menschen haben Angst vor Hunger, aber wenn sie merken, dass Fasten leicht ist und sie sich ohne Essen sogar leistungsfähiger fühlen, ist schon ein großer Teil der existenziellen Angst überwunden. Das kann sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen. Deshalb gehört Fasten für Gesunde für mich zur Erwachsenenbildung.

Was raten Sie Menschen, die zum ersten Mal fasten und etwas für ihre Gesundheit tun wollen?

Eine Fastenwoche für Gesunde sollte man nur machen, wenn man tatsächlich körperlich gesund ist. Fasteneinsteigern empfehle ich, in einer Urlaubswoche zu fasten – gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter – und sich von einer Fastenleiterin begleiten zu lassen. Eine Fastenwoche kann man mit Wandern, Skifahren, Segeln, Schwimmen, Tanzen, Golf oder anderen Sportarten kombinieren. Man sollte sich freimachen von Zwängen und Verpflichtungen, Hektik und Lärm. Fasten und Freisein gehören zusammen.

Warum ist es wichtig, beim ersten Mal in einer Gruppe zu fasten?

Im Gespräch mit anderen können Sie die vielen kleinen Bedenken und Fragezeichen, die Sie zu Beginn der Fastenwoche mit sich herumtragen, klären. Eine Fastenwoche mit Begleitung bewahrt Sie auch vor typischen Anfängerfehlern. Manche wollen fasten und gleichzeitig einen Wettkampf gewinnen. Das ist Unsinn. Bewegung ist sehr wichtig, aber nur in einem verträglichen Tempo, das zum Fasten passt. Man kann auch selbständig zu Hause fasten. Allerdings ist das sehr viel anspruchsvoller, weil dort die alltäglichen Ess- und Trinkgewohnheiten lauern und die Umgebung es einem in der Regel durch Besserwisserei und Vorurteile nicht gerade leicht macht.

Sie haben das Fasten für Gesunde erfunden. Wie kam es dazu?

Vor 40 Jahren wollte der Bayerische Rundfunk eine vierteilige Serie über Fasten machen und einen Fastenarzt als Experten dabei haben. Meine Kollegen waren alle entsetzt, ich auch. Wir fanden es unverantwortlich, Menschen zum Fasten außerhalb einer Klinik zu animieren. Gleichzeitig gab es ein großes Interesse am Thema. Viele Menschen schrieben uns: „Ich möchte selbständig fasten, aber ich weiß nicht, wie.“ Ich habe dann eingewilligt unter der Bedingung, dass pünktlich zur Sendung ein Ratgeber erscheint mit allen wichtigen Informationen. Zwei Monate habe ich mich aus der Klinik zurückgezogen und das Buch Wie neugeboren durch Fasten geschrieben.

Auf dem Cover sieht man einen schlanken jungen Mann, der voller Energie aus einer inzwischen viel zu weit gewordenen Hose springt. Eignet sich eine Fastenwoche wirklich, um abzunehmen?

Beim Fasten verliert man Gewicht, aber das ist eher ein Nebeneffekt. Es geht vielmehr darum, aus seinen alten Mustern herauszuspringen und zu klären: Bin ich Herr oder Knecht meiner Gewohnheiten? Viele wollen eine Fastenerfahrung machen, obwohl sie normalgewichtig sind, einfach, um ihre Gesundheit zu stärken, zu sich selbst zu finden und innere Freiheit durch Verzicht zu gewinnen. Beim Kurzzeitfasten ist Abnehmen nicht das Zentrale. Genauso wichtig wie das Fasten ist das Essen danach. Was könnte mir Freude machen? Was kann ich sinnvollerweise essen? Was tut mir gut? Was kann ich mit mehr Genuss essen als vorher? Viele machen die Erfahrung, dass die Sinne sich schärfen, sie viel mehr schmecken, intensiver genießen und mehr Lebensfreude spüren.

Was halten Sie von Dinner Cancelling, regelmäßigen Reis- oder Obsttagen und anderen Formen von Kurzzeitfasten?

Ich empfehle, zuerst eine Fastenwoche zu machen. Danach fällt es viel leichter, an bestimmten Tagen auf das Frühstück oder Abendessen zu verzichten oder einen Entlastungstag mit Obst oder Reis einzulegen. Ohne die heilsame Erfahrung einer Fastenwoche ist es mühsam.

Wie hat Fasten Ihr Leben verändert?

Ich bin sehr froh, dass ich durch Zufall dazu gekommen bin durch meine Eltern. Zweimal kamen sie mit leuchtenden Augen von einer Fastenwoche im Harz zurück. Für mich war Fasten also von Anfang an mit Freude verknüpft. Als Medizinstudent war ich verwundert, dass Fasten als Therapieform im Studium nie erwähnt wurde. Bei Professor Krauß in Berlin habe ich dann erlebt, wie wunderbar Heilfasten bei Menschen mit chronischen Krankheiten wirkt. Viele waren nach der zweiten oder dritten Fastentherapie wieder völlig gesund und konnten sogar wieder arbeiten. Das als Arzt zu erleben hat mich glücklich gemacht. Ich selbst habe im vergangenen Jahr wieder mal eine Woche gefastet und das als sehr positiv erlebt. Ich bin jetzt 89 und erfreue mich bester Gesundheit. Das liegt sicher auch am Fasten, aber vor allem daran, dass ich mich viel an der frischen Luft bewege, gemeinsam mit Freunden, und Freude habe. Ich esse nur, was mir guttut, lasse vieles weg und genieße das Leben.

Dr. med. Hellmut Lützner, Facharzt für innere Medizin, wurde 1928 geboren. Er war früh vom Fasten überzeugt, arbeitete unter anderem als Fastenarzt an der Buchinger-Klinik am Bodensee. Später übernahm er die Kurpark-Klinik Überlingen, eine Fachklinik für ernährungsbedingte Krankheiten. Im Jahr 1976 entstand begleitend zu der Fernsehsendung Fasten für Gesunde des Bayerischen Rundfunks das Buch Wie neugeboren durch Fasten (Gräfe und Unzer, überarbeitete Neuausgabe 2013), das seither als Bestseller mehrere Millionen Mal verkauft wurde.

Literatur

Andreas Buchinger: Buchinger-Heilfasten. Mein 7-Tage-Programm für zu Hause. Trias, Stuttgart, 3. Auflage 2013

Anselm Grün, Peter Müller: Fasten mit Leib und Seele. Vier-Türme, Münsterschwarzach/Abtei 2010

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 3/2017: Schwäche zeigen!
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