Borderline: schwarz oder weiß

Borderline ist für 1,5 Millionen Deutsche eine Qual: Stimmungsschwankungen und Gefühle der inneren Leere sind typisch. Doch es gibt Hilfe.

Ein Mann steht vor einen zersplitterten Spiegel und sein Spiegelbild ist verzerrt
Beziehungen zu anderen ähneln einer Achterbahnfahrt und die eigene Regulierung misslingt. © Malte Mueller/Getty Images

Wenn es ganz schlimm ist, greift Lilly Hartwig zum Feuerzeug. Mit der offenen Flamme verbrennt sie sich die Arme, es muss richtig wehtun. Manchmal will sich die 26-Jährige damit bestrafen, weil sie sich so wertlos und minderwertig fühlt. Oft versucht sie damit aber auch Emotionen loszuwerden, die nicht zu ertragen sind: Gefühle von Anspannung und innerer Leere zum Beispiel oder quälende Zustände, die sie selbst nicht deuten kann. „Diese Gefühle sind größer als ich, sie bringen mich um“, erklärt Lilly Hartwig. Was genau sie aber fühlt, kann die Hamburgerin nicht sagen. „Ich kann mir hundert Gedanken machen, aber ob ich nun Wut oder Traurigkeit spüre, weiß ich einfach nicht“, sagt sie. Vor wenigen Wochen ist Lilly Hartwig aus dem Asklepios-Klinikum Nord in Hamburg-Ochsenzoll entlassen worden. Hier war sie drei Monate auf einer speziellen Borderlinestation in Behandlung, zum zweiten Mal bereits. Nun kommt die Chemiestudentin noch zweimal die Woche zur ambulanten Behandlung in die Klinik und muss ansonsten lernen, ihre heftigen Gefühlszustände im Alltag selbst zu regulieren – keine einfache Aufgabe.

Borderline ist vor allem eine Störung der Gefühlsregulation. Wie Lilly Hartwig leben die meisten Betroffenen in einer labilen Gefühlswelt mit extremen Stimmungsschwankungen und heftigen emotionalen Talfahrten. Experten vermuten, dass bei Borderlinern die Reizschwelle besonders niedrig und das Erregungsniveau sehr hoch ist, Gefühle also sehr intensiv erlebt und zugleich schlecht herunterreguliert werden können. Auch das Selbstbild ist fragil, viele Betroffene ringen mit starken Identitätsproblemen und Minderwertigkeitsgefühlen. Etwa die Hälfte aller Borderlinepatienten entwickelt im Verlauf der Störung selbstverletzendes Verhalten, Suchterkrankungen oder Essstörungen – „Ventile“ für einen unerträglichen inneren Druck. Auch Beziehungen und Partnerschaften sind häufig konfliktbeladen, zum Teil weil die Betroffenen die Verhaltensweisen ihrer Mitmenschen nicht gut „lesen“ können und deshalb fehlinterpretieren – mit dem Ergebnis, dass auch Ausbildungs- und Berufswege häufig abgebrochen werden. Martin Bohus vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit beschreibt die Borderlinestörung deshalb als „schwerwiegende Störung der Affektregulation, begleitet von einer verzerrten Wahrnehmung des Selbstbildes und Störung des zwischenmenschlichen Verhaltens“.

Ungefähr 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden wie Lilly Hartwig an der Borderlinestörung, Experten schätzen die Lebenszeitprävalenz auf fünf Prozent. Generell sind mehr Frauen als Männer betroffen. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Ausprägungen des Störungsbildes. Es gibt viele…

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