Frühe Kindheit, später Schmerz

Was haben Herz-Kreislaufleiden mit der frühen Kindheit zu tun? Belastungen in den ersten Jahren können später zu „unerklärlichen“ Beschwerden führen.

Ein kleines Mädchen hält ihren Teddy im Arm und schaut traurig aus dem Fenster
Was haben Herz- und Kreislaufleiden, Krebs, Rheuma, Morbus Crohn, Asthma oder Fibromyalgie mit der frühen Kindheit zu tun? © Mikimad/Getty Images

Der übermächtige Vater! In Ute Zimmers Gehirn hinterließ er schon früh Spuren, die Jahrzehnte später in die Fibromyalgie führten – eine Erkrankung, bei der die Muskeln andauernd schmerzen. Und zwar irgendwann so sehr, „dass ich nicht mal mehr den Müll aus meiner Wohnung im ersten Stock nach unten bringen konnte“. Dass „da was Schlimmes passiert ist in meiner Kindheit“, davon wollte sie zunächst nichts wissen. Dann hat sie zugelassen, dass sie das hören musste von ihrem „unsicheren und vermeidenden Bindungsstil“, im Zuge einer psychosomatischen Psychotherapie, die die frühe Bindungsstörung als Ursache für die Erkrankung angeht. Es war einer der Schlüssel zu einem Leben ohne die Tortur in ihren Muskeln: „Heute bin ich schmerzfrei.“

Jegliche negative Erfahrung – vor allem in den ersten Jahren, aber auch schon im Mutterleib – „steigert das Risiko vieler Menschen für alle möglichen Erkrankungen viel später im Leben. Dafür haben wir inzwischen ganz klare Belege“, sagt Professor Christian Schubert, Arzt und Psychologe und Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Innsbruck. Schwere Traumen wie Missbrauch und Misshandlung, aber auch vermeintlich harmloser klingende Dinge wie eine Bindungsstörung oder widrige soziale und wirtschaftliche Lebensumstände resultieren in langanhaltenden Veränderungen im körperlichen Stresssystem, das sich die frühkindlichen Traumen merkt und auf seine Weise reagiert. Denn der Arzt und Psychologe redet nicht nur von psychischen Leiden wie Depression oder Angststörungen, sondern von „der ganzen Palette der klassischen internistischen Erkrankungen“: Herz- und Kreislaufleiden, Krebs, Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Morbus Crohn, Asthma und vielen anderen. Oder eben dem Syndrom der Fibromyalgie.

Für Psychotherapeuten sind Einflüsse früher Erlebnisse auf das gesamte Leben nicht neu. Dass sich allerdings die medizinische Forschung für derlei Dinge interessiert, liegt an jüngsten Erkenntnisfortschritten, vor allem im neurowissenschaftlichen Bereich. Zum einen zeigt sich, dass…

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